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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roraan.  Welt  und  ihr  Verhältnis  zu  den  Refiirraideen  des  Mittelalters.  479

Oben  verkündete,  wie  ein  Lichtstrahl  seine  Seele  durchdrang,
das  wurde  von  ihm  in  feuriger  hinreissender  Rede  Anderen
als  Offenbarung  vorgetragen.  Dann  leuchteten  die  blauen  Augen,
ein  unwiderstehlicher  Zauber  ergoss  sich  über  ihn  und  die
Ueberzeugung,  die  ihn  selbst  durchdrang,  theilte  sich  seinen
wunderbar  erregten  Zuhörern  mit.  So  war  es  nicht  die  Wissenschaft, ­
  aus  der  er  schöpfte;  er  gehörte  seiner  ganzen  Richtung,
den  Mystikern  an,  verband  aber  im  Gegensätze  zu  den  deutschen
Vertretern  dieser  Innerlichkeit,  seitdem  er  nach  dem  Dominikanerkloster ­
  von  San  Marco  in  Florenz  versetzt  worden  war,'
eine  hervorragend  äussere  und  zuletzt  geradezu  eminent  politisch-ascetische
  Wirksamkeit.  Er  fühlte  sich  vollkommen  als
Italiener.  Er  hatte  aus  der  Geschichte  ersehen,  dass  in  Italien
sich  die  Regierung  eines  Fürsten  niemals  erhielt,  Florenz  zumal
müsste  demokratisch  regiert  werden.  Lieber  müsse  man  die
schlechteste  republikanische  Regierung  ertragen  als  die  Herrschaft ­
  eines  Einzigen,  eines  Tyrannen. 2  Als  solchen  erblickte
er  Lorenzo  il  magnifico,  dem  er  vergeblich  auf  dem  Todtenbette
  zurief,  Florenz  seine  Freiheit  wieder  zu  geben.  In  dem
Zeitalter  sittlicher  Verwilderung,  welcher  der  Unglaube  nachfolgen
  musste,  ging  sein  Bestreben  vor  Allem  darauf,  mit  allem
Aufwande  des  Geistes  zu  beweisen,  dass  der  christliche  Glaube
wahr  sei,  dass  die  höchste  Weisheit  in  der  Einfachheit  (simplicitä)
  des  Lebens  bestehe,  die  Zukunft  zu  verkünden  (denunziare
  le  cose  future),  Florenz  wieder  zur  demokratischen  Form
zurückzubringen  und  das  Aufkommen  eines  Tyrannen  zu  verhindern. ­
 3  Mit  gleichem  Freimuthe  wie  er  den  Mediceern  widerstand, ­
  deren  Herrschaft  er  untergrub,  wandte  er  sich  dann  der
Verkündigung  einer  Reform  der  Kirche  in  den  Tagen  Alexanders ­
  VI.  zu,  der  das  zweifelhafte  Verdienst  besass,  den
Widerspruch  gegen  sein  Treiben  und  das  der  römischen  Curie
wachzurufen.  Ehe  aber  es  zur  Reform  der  römischen  Kirche
komme,  so  predigte  Savonarola,  werde  sie  grosser  Verfolgung
1  1490  wurde  er  daselbst  Prior.
2  Tratatto  di  Fra  G.  Savonarola  II.  Debbe  ogni  popolo  che  si  governa
civilmente  piii  tosto  sopportare  ogni  altro  male  ed  inconyeniente  ehe
seguitasse  del  governo  civile  qnando  e  imperfetto  ehe  lasciar  sorgere  un
tyranno.
3  Tratatto  HI,  delln  istituzione  e  modo  del  Governo  civile.
            
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