Die roman. Welt und ihr Verhältnise zu den Reformideen des Mittelalters. 461
der Stärkung der königlichen Gewalt betonten und ebenso das
nationale Bewusstsein zu heben suchten, die Grundlagen einer
Palingenesie Frankreichs legten. Die schweren politischen Ereignisse
brachten in Frankreich andere Fragen hervor als diejenigen
waren, mit welchen man sich bisher beschäftigt. Die
Frage vom Tyrannenmorde wurde reiflich erörtert, die kirchlichen
Controversen traten in den Hintergrund, der rasche
Wechsel von Glück und Unglück, die schnöden Thaten der
Mächtigen und die Katastrophe, welche sie traf, Hessen den
Fragen über den Einfluss der Magie, der Sterne, der Dämone
auf den Menschen einen weiten Spielraum offen. 1 Die moralische
Versumpfung der Zeit hatte mehr als ein tiefes Gemüth
auf den sittlichen Ernst der Alten hingewiesen. Man fing an,
die Kenntniss des Alterthums nicht mehr für gefährlich und
den Glauben beeinträchtigend anzusehen 2 und es war bereits
viel gewonnen, als das wissenschaftliche Bediirfniss da wieder
angekommen war, wo es in den Tagen Gregors von Nazianz
und des hl. Basilius sich befand, in dem sittlichen und geistigen
Gehalte des Heidenthums eine dem Christenthum ebenbürtige
Erkenntnissquelle zu erblicken.
Wenn es sich aber jetzt nach dem tiefen Verfalle des
Papstthums darum handelte, nicht blos es den Romanen zu erhalten,
welche es zum Falle gebracht, sondern auch neu zu
organisiren, es in seiner sittlichen und geistigen Nothwendigkeit
als den Ring darzustellen, der das christliche Europa zusammenhielt,
so konnte man sich denn doch nicht verhehlen,
dass man mit einem mehrfachen Rückschläge zu kämpfen hatte.
Einmal von Seiten der Nationen, welche schon früher den gemeinsamen
Unternehmungen gram, durch ihren Streit unter
einander den Osmanen Zeit gelassen hatten, die Rolle zu übernehmen,
die früher die Araber zum Verderben der Christenheit
gespielt, und wie diese im Westen eine Herrschaft auf europäischem
Boden gegründet, so eben jetzt im Begriffe waren, eine
im Osten zu begründen, die noch weit mehr Gefahren mit sich
führte als jene, mit welcher sich denn doch bedeutende Culturelemente
verbunden hatten. Dann war die Frage des Verhält-1
Schwab, Johannes Gerson, S. 718.
2 So Nicolaus von Clemengis, bei Schwab, S. 496.