Die roman. Welt und ihr Verhiütniss zu den Reformideen des Mittelalters. 441
Ausbeutung der französischen Kirche zu gewähren schien. 1 Es
blieb, als Karl VIII. trotz alles Widerstrebens seines Volkes
den verhängnissvollen Zug nach Italien antrat, der erst 1559
zum völligen Ende kam, der ungeordnetste Zustand, den man
sich in' kirchlicher Beziehung nur denken konnte. Der Byzantinismus
war in Frankreich zur Herrschaft gelangt, das kirchliche
Element war in völliger Erstarrung begriffen. Ein
eigenthümliches Verhängniss entlud sich über das politisch
geeinigte, innerlich zerfahrene Reich.
Schon einmal nach dem Tode K. Philipps IV., dem drei
Söhne als Könige nachfolgten, ohne dass einer seinen Stamm
fortsetzte, war die Dreizahl Frankreich yerderblich geworden.
Als Karl VIII., zurückgekehrt von dem unseligen Zuge nach
Neapel, der alle Staaten wie aus dem Schlummer aufgescheucht
hatte, am schmutzigsten Orte seines Reiches, in der Galerie
Hacquelelbac im Schlosse von Amboise beinahe plötzlich starb 2
(7. April 1498), erlosch mit ihm der directe königliche Stamm
Karls VI, der selbst drei Dauphins hatte, von welchen ihm
Karl VII. nachfolgte; der dritte Nachfolger Karls VI. war
Karl VIII. Nun folgte von der zweifachen Linie des Hauses
Orleans, die Karls VI. jüngeren Bruder, den im Jahre 1407
ermordeten Herzog Ludwig zum Gründer hatte, K. Ludw'ig XII.
nach und als dieser ohne Sohn starb, 1513, K. Franz, der
Stammhalter der dritten königlichen Linie, welche mit drei
Königsbrüdern (Franz II., Karl IX., Pleinrich III.) in der
dritten Generation nach Ludwig XII. endete. Die französischen
Könige konnten zwar Kröpfe heilen, 3 aber ihren Stamm zu 1
erhalten gelang ihnen nicht. 1
Ludwig XII. unternahm es, die gegründeten Beschwerden,
die in Tours vorgebracht worden waren, selbst zu beseitigen.
Als er 1506 die Stände zu Tours versammelte, nannte ihn der
Sprecher Thomas Bricot Vater des Vaterlandes, und die Bitte
1 Picot. Additiones p. 561,
2 Commines VIII, c. 18. Gerade als er starb, wollte Karl seinen Staat
reformiren, wie Commines sagte. Seine letzten Worte waren: qu’il avoit
esperance de ne faire jamais pechd mortel ne veniel s’il pouvoit.
3 Cavallo, relaz. di Francia (Albferi) p. 237.
4 Die Dreizahl wiederholte sich bei den Brüdern Ludwig XVI., Ludwig
XVIII., Karl X.