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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roman.  Welt  uud  ihr  Verhältniss  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  4:37

zöge,  die  Grafen  und  Ritter.  Wer  von  freier  Mutter  geboren
sei,  sei  frei,  wenn  er  aucli  homme  de  poseste  (potestatis)  ist.
Was  aber  die  servi  betreffe,  so  gebe  es  mehrere  Kategorien.
Die  Einen  seien  ihren  Herren  so  unterworfen,  dass  diese  ihnen
Alles  nehmen  könnten,  was  sie  besässen, 1  sie  in  das  Gefängniss
  werfen  könnten,  wie  sie  wollten  2  und  ohne  dass  die  Herren
Anderen  als  Gott  dafür  verantwortlich  seien.  Wieder  Andere
seien  besser  gestellt  und  daher,  wenn  sie  nicht  Missethaten
begingen,  können  die  Herren  nichts  nehmen  als  die  Zinsen,
Renten,  Giebigkeiten,  welche  sie  gemäss  ihres  servitium  entrichten ­
  müssten.  Wenn  sie  aber  stürben  oder  sich  mit  freien
Frauen  vermählten,  so  falle  alles,  was  sie  besässen,  Mobilien
und  Erbgut  an  den  Herrn.  Wenn  der  serf  stirbt,  so  gibt  es
keinen  Erben  als  seinen  Herrn  und  seine  Kinder  haben  nichts,
wenn  sie  sich  nicht  loskaufen,  wie  es  ein  Fremder  thun  würde.
Frankreich  hatte,  als  Ludwig  XI.  seine  Regierung  bis
zum  30.  August  1483  ausdehnte  und  endlich  zur  unermesslichen
Erleichterung  aller  Stände  seine  schnöde  Tyrannei  aufhörte,
nur  mehr  Einen  Herrn,  den  dreizehnjährigen  Karl,  dem  der
Vater  sterbend  gerathen  hatte,  nicht  so  zu  handeln,  wie  er
selbst  gethan. 3  Dafür  aber  war,  als  am  5.  Jänner  1484  die
Stände  in  Tours  versammelt  wurden,  zum  ersten  Male  ganz
Frankreich  vertreten.  Die  Provence,  Dauphine,  Roussillon,
Burgund,  auch  Flandern  sandten  ihre  Deputirten  und  man
konnte  es  noch  als  ein  Meisterstück  der  Politik  K.  Ludwigs
ansehen,  als  sich  die  Nachricht  verbreitete,  K.  Eduard  IV.  von
England,  unter  welchem  Heinrich  VI.  König  von  England-Frankreich
  im  Tower  geendet,  sei  aus  Kummer  über  den  Betrug ­
  gestorben,  den  ihm  Ludwig  XI.  gespielt,  als  er  seinem
Sohne  die  habsburgische  Prinzessin  Margaretha  statt  der  Tochter
des  englischen  Königs  verlobte.  Vielleicht  zu  keiner  Zeit  gab
es  in  Frankreich  eine  bessere  Gelegenheit,  die  Missbrauche
der  königlichen  Gewalt  zu  beseitigen,  letztere  einzuschränken
und  die  Volksrechte  zu  wahren,  als  jetzt.  Der  Kanzler  Wilhelm ­
  de  Rochefort,  der  die  Versammlung  der  250  Deputirten

1  A  mort  et  &,  vie.
2  Soit  A  tort,  soit  i  droit.
3  Commines,  memoires  VI,  c.  11.

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