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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roman.  Welt  uud  ihr  Verhältnis*)  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  431

für  die  Gegenwart,  aber  nicht  für  die  Zukunft  arbeiteten  und
denen  ihr  Privatinteresse  höher  galt  als  das  Frankreichs.
Als  nun  K.  Heinrich  V.  von  England  den  Krieg  erneuete,
der  für  das  Haus  Lancaster  ein  Bedürfniss  und  eine  Nothwendigkeit
  geworden  war  und  durch  den  Sieg  bei  Azincourt
25.  October  1415  die  neue  und  entsetzliche  englische  Invasion
einleitete,  zeigte  sich  sehr  bald,  was  eigentlich  die  französischen
Grossen  wollten.  Auch  der  zweite  Dauphin  Jean,  Herzog  von
Touraine,  starb  vor  seinem  Vater  (1417).  Als  der  König  seine
Gemahlin,  die  schöne  Isabeau  von  Baiern,  verhaften  liess,  befreite ­
  sie  der  Herzog  Johann  von  Burgund,  brachte  sie  nach
Troyes,  erhob  sie  zur  Regentin  und  nun  überfiel  er  mit  der
Königin  die  Stadt  Paris,  bemächtigte  sich  der  Person  des
Königs  und  vermochte  dadurch  seiner  Partei  den  Anschein  der
königlichen  Partei  zu  geben.  Mit  Mühe  wurde  der  Dauphin
Karl  aus  seinem  Bette  gerissen,  in  ein  Leintuch  gehüllt  nach
Melun  in  Sicherheit  gebracht.  Paris  verfiel  der  Schreckensherrschaft, ­
  wie  sie  sich  seitdem  regelmässig  in  der  französischen
Geschichte  wiederholt,  gleich  dem  dreimaligen  Fenstersturze  in
der  böhmischen  Geschichte.  Unter  Anführung  des  Henkers
Capeluche  zogen  die  Pariser  einher,  holten  sich  ihre  Schlachtopfer ­
  (Armagnacs)  aus  den  Gefängnissen  und  mordeten  sie.
Sechs  Bischöfe,  der  Connetable  und  der  Kanzler  von  Frankreich, ­
  an  3500  Personen  der  armagnac-orleanischen  Partei
wurden  erschlagen.  Es  war  ein  Vorspiel  der  Bartholomäushochzeit ­
  des  Jahres  1572.  Als  durch  die  Ermordung  des  Herzogs ­
  Johann  von  Burgund,  welcher  1407  den  Bruder  des  Königs,
Ludwig  Herzog  von  Orleans,  meuchlings  in  Paris  getödtet  hatte,
10.  September  1419,  die  Parteileidenschaft  neue  Nahrung  erlangte, ­
  der  Vertrag  von  Troyes  21.  Mai  1420  Frankreich  statt
der  capetingischen  Dynastie  die  lancastrische  einimpfte,  der
Dauphin  Karl  von  seinem  Vater  preisgegeben,  von  der  Mutter
verfolgt,  vom  Throne  ausgeschlossen,  kaum  sich  im  Süden
noch  halten  konnte,  bot  Frankreich  das  Bild  einer  moralischen
und  politischen  Auflösung  dar,  die  mit  der  Höhe,  zu  welcher
es  Philipp  IV.  zu  bringen  gestrebt  hatte,  im  grellsten  Contraste
stand.  Karl  VI.  und  Heinrich  V.  waren  zusammen  in  Paris
eingezogen,  letzterer  hatte  sogleich  das  Schloss  von  Vincennes
besetzt.  Am  6.  December  1421  gebar  ihm  Katharina  von
            
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