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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roraan.  Welt  und  ihr  Verhältniss  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  397

dem  Kaiserthume,  ohne  und  mit  Hülfe  weltlicher  Fürsten  die
Christenheit  zu  regieren  sich  bemüht;  sie  standen  am  Ende
der  nach  ihnen  genannten  Periode  da,  wo  sie  am  Anfänge  gestanden ­
  waren,  hatten  ein  ungeheueres  geistiges  Capital  verbraucht ­
  und  nachdem  es  ihnen  mit  ungeheuren  Anstrengungen
gelungen  war,  die  Opposition  im  Schoosse  des  lebensvollsten
Ordens  niederzuwerfen,  begannen  am  Ende  dieser  Periode  erst
die  nachhaltigen  Bewegungen  unter  den  Weltpriestern,  die
bestimmt  zu  sein  schienen,  den  bisherigen  Streit  zwischen  dem
sacerdotium  und  regnum  abzulösen  und  einen  neuen  viel  gefährlicheren ­
  hervorzurufen,  der  von  nationaler  Bewegung  getragen, ­
  die  Völker  im  Innersten  aufzuwühlen  und  gegen  die
höhere  allen  gemeinsame  Einheit  zum  Sturme  zu  führen  vermochte. ­
  Man  hatte  im  Anfänge  des  Jahrhunderts  alles  Heil  von
der  evangelischen  Armuth  erwartet,  am  Ende  desselben
rief  eine  Katharina  von  Siena  dem  Papste  Gregor  zu,  nichts
helfe  als  la  sancta  parola  di  Dio,  schien  das  Heil  nur  von
einem  doctor  evangelicus  zu  kommen.
Die  Zeit,  aus  allen  Fugen  getreten,  sah  sich  nach  ungewöhnlichen ­
  Hülfsmitteln  um.  Da  war  es  die  Nonne  Katharina
von  Siena,  welche  dem  Papste  Gregor  XI.  erklärte,  die  römische
Curie  sei  mit  dem  Gestanke  höllischer  Laster  erfüllt. 1  Sie  aber
erblickte  alles  Heil  in  Bezug  auf  den  Frieden  der  christlichen
Völker  in  dem  Unmöglichen,  in  einem  neuen  Kreuzzuge. 2
Gregor  XI.  hatte  sie  erwählt  um  in  Florenz  den  Frieden
wieder  herzustellen.  Als  das  grosse  Schisma  ausbrach,  berief
Papst  Urban  VI.  Katharina  zu  sich  ihr  Urtheil  zu  vernehmen. 3
Kein  Gelehrter,  kein  Bischof,  der  Papst  selbst,  der  nach  dem
Tode  Katharinas  baarfuss  nach  der  St.  Peterskirche  wanderte, 4
besass  grösseres  Ansehen  als  die  Dominikanerinennonne  von
Siena,  die  fortwährend  an  das  heilige  Wort  Gottes  erinnerte,

1  Quod  in  Romana  curia  ubi  deberet  paradisus  esse  coelicarum  virtutum
inveniebat  foetorera  infernalium  vitiorum.  Raym.,  Capuani  vita  S.  Catharina
  (Acta  St.  30.  April)  n.  132.  Sie  selbst  konnte  nicht  latein,  Papst
Gregor  nicht  italienisch.
2  Passagium.  n.  291.  Unterredung  zu  Avignon  mit  Papst  Gregor  XI.
J  1.  c.  n.  344.  Gerade  .ein  Jahr  vor  dem  Tode  der  hl.  Katharina  (29.  April
1380.  n.  348).
4  Pedes  et  absque  calceamentis.  1.  c.
            
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