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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roman.  Welt  und  ihr  Verhältnis  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  393

nur  die  Vormünder  wechselte,  kamen  auch  für  Frankreich
Tage  der  entsetzlichsten  Zerrüttung,  die  zur  Erneuerung  der
englischen  Invasionen  Anlass  gaben,  als  das  durch  die  Entthronung ­
  Richards  II.  auf  den  englischen  Thron  erhobene
Haus  Lancaster  (rothe  Rose)  das  Bedürfniss  fühlte,  den  inneren
Zerwürfnissen  durch  den  äusseren  Krieg  eine  Ableitung  zu
geben. 1  Und  da  nun  auch  der  Mannsstamm  des  Hauses  Anjou
in  Neapel  mit  K.  Ladislaus  1414,  das  Haus  Luxemburg  in  der
ersten  Generation  nach  Karl  IV.  erlosch,  K.  Wenzel  kinderlos ­
  war,  sein  Bruder  K.  Sigmund  keinen  Sohn  hatte,  so  fand
in  allen  bedeutenden  Staaten  gegen  Ende  des  vierzehnten,  im
Anfänge  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  eine  Katastrophe  statt,
die  eine  neue  Zeit  entstehen  machte,  wie  sie  neue  Dynastien
emporhob.  Das  Mittelalter  näherte  sich  unaufhaltsam  seinem
Ende.  Vielleicht  war  dies  aber  nirgend  in  höherem  Maasse  der
Fall,  als  in  den  spanischen  Reichen,  von  denen  das  Königreich ­
  Navarra  aus  den  Thronstreitigkeiten  gar  nicht  mehr  herauskam, ­
  in  den  übrigen  Reichen  aber  das  Princip  der  Illegitimität ­
  den  vollsten  Sieg  feierte.
Heinrich  von  Trastamare,  selbst  Vater  von  13  unehelichen
Kindern,  die  er  sarnmt  ihren  Müttern  im  Testamente  aufführt,
gelang  es  nach  einer  zehnjährigen  Regierung,  das  Königreich
seinem  Sohne  Don  Juan  I.,  1379—1390,  zu  übergeben,  der,  wie
der  Vater  an  Gift,  das  ihm  Karl  König  von  Navarra  beibrachte,
an  den  Folgen  eines  Pferdesturzes  starb,  und  da  dessen  Sohn
Heinrich  III.  (j-  1406)  fortwährend  kränklich,  Juan  II.  bei  dem
Tode  seines  Vaters  nur  ein  Jahr  alt  war,  so  dass  seine  Regierungsjahre ­
  (1406—1454)  mit  seinen  Lebensjahren  zusammenlallen, ­
  Heinrich  IV.  (1454—1474)  sich  nur  durch  seine  Schwäche
auszeiclinete,  die  so  weit  ging,  dass  er  die  eigene  Tochter
Donna  Juana  (la  Beltraneja)  entthronte,  so  kam  ein  Königshaus
empor,  welches  eigentlich  erst  durch  Heinrichs  IV.  Schwester
Donna  Isabella  (la  Catolica)  eine  Bedeutung  erlangte.  Allein  die
Bastarddynastie  erhielt  sich  nicht  blos.  Sie  erhielt,  als  der  echte
burgundische  Stamm  der  Könige  von  Portugal  1383  ausstarb,
und  nun  der  Grossmeister  von  Avis,  Don  Juan,  natürlicher
1  Der  spätere  französische  Grundsatz:  la  guerre  purge  la  France  war
eigentlich  eine  Lancastrische  Erfindung.
            
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