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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roni.'in.  Welt  und  ihr  Verhiiltuiss  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  38t)

Clemens  VII.  aufgestellt,  nacli  Avignon  zurückkehrten,  eine
neue  avignonesisclie  Periode  eintrat  und  das  sacro  collegio
keine  andere  Aufgabe  zu  kennen  Schien  als  die  deutschen
Königswähler  nachzuahmen,  die  seit  1197  fort  und  fort  zwiespältige ­
  Wahlen  unternommen  hatten,  gerade  jetzt  erst  Wenzel,
den  Sohn  Karls  IV.  einstimmig  gewählt  hatten,  um  dann  gleichsam ­
  erschrocken  über  die  That  der  Einigkeit  in  seiner  langen
Regierung  desto  freier  zum  früheren  System  der  Absetzung
des  Gewählten,  zur  Neuwahl,  zum  politischen  Schisma  zurückzukehren. ­
  Mau  hatte  auch  in  dogmatischer  Beziehung  das
Aeusserste  gethan.  Gerade  als  der  Ungehorsam  der  weltlichen
Fürsten  den  höchsten  Grad  erreichte,  war  der  Papst  als  der
Gesetzgeber  der  ganzen  Christenheit 1  ausgerufen  worden;  als
Avignon  nicht  blos  von  Petrarca  als  der  Pfuhl  der  Sünde
dargestellt  wurde,  wurde  von  den  Doctoren  der  Theologie  die
Berathung  gepflogen,  ob  dem  Papste  nicht  die  Impeccabilität  zuerkannt ­
  werden  solle. 2  Auch  die  weltlichen  Fürsten  blieben  in
der  Betheurung  der  Göttlichkeit  ihrer  Rechte,  vor  Allem  des
Königthums  nicht  zurück. 3
Mag  man  die  zornerfüllten  Aeusserungen  von  Zeitgenossen
über  das  Verderben  von  Avignon,  über  den  Brunnen  des
Schmerzes,  die  Herberge  des  Zornes,  die  Schule  der  Irrthümer,
den  Tempel  der  Häresie,  das  Nest  des  Verrathes, 4  noch  so
hoch  an  schlagen,  es  war  andererseits  ein  tiefes  Bedürfnis  bemerkbar, ­
  das  Leben  nach  den  evangelischen  Vorschriften  einzurichten. ­
  Neben  der  äussersten  Ungebundenheit  des  Lebens,
die  nach  Aussen  hin  den  Charakter  der  Zeit  bildete  und  eben
deshalb  in  der  geschichtlichen  Darstellung  vor  Allem  hervortritt, ­
  bildeten  sich  an  den  verschiedensten  Orten  Mittelpunkte
eines  evangelischen  Stillebens,  von  denen  aus  auf  edle  Gemüther
eingewirkt  wurde,  sie  für  eine  höhere  Auffassung  des  Lebens
zu  gewinnen,  und  eine  geräuschlose  Thätigkeit  entfaltet  wurde,

1  Legifer.
2  Conclusiones  Joh.  Wieleft'.  Cod.  Univ.  Prag.  III.  G.  11.  f.  227.
3  Höfler,  Anna  von  Luxemburg  I.  S.  38.
Fontana  di  dolore,  albergo  d’ira,
Scola  di  errori  e  tempio  d’  eresie.
Petrarca,  Sonetto  XVI.
Sonetto  XIV.

Nido  de’  tradimenti.
            
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