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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roman.  Welt  und  ihr  Verhältnis  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  361

schaft  über  den  Geist  gewähre,  wodurch  wieder  eine  Annäherung ­
  für  Bruder  Ekehard  gegeben  wurde,  der  sicli  1328
unterwarf  und  dadurch  bewies,  dass  er  auch  die  letztgenannte
Herrschaft  wohl  zu  üben  wisse.
Noch  stärker  als  es  bei  Ekehard  geschieht,  zeigt  sich
der  Unterschied  zwischen  romanischer  und  deutscher  Auffassung ­
  in  Johannes  Tauler’s  Büchlein  von  der  Nachfolgung
des  armen  Lebens  Christi.  In  Ekehard  spricht  mehr  der  Philosoph, ­
  welcher  das  Wesen  Gottes,  ,die  Abgründe'  zu  erforschen
strebt.  In  Tauler  ist  es  der  Seelenfreund,  der  tiefe  Gottesgalehrte, ­
  welcher  die  Dinge  zum  rechten  Verständnisse  zu
bringen  und,  indem  er  den  wahren  und  höheren  Begriff  erörtert,
das  irdische  Leben  mit  göttlichem  Geiste  zu  durchdringen
strebt.  Was  in  der  Einsamkeit  der  Zelle  durch  Gebet  und
Betrachtung  errungen,  was  durch  die  Kenntniss  der  Tiefen
und  Untiefen  der  Seele  an  Einsicht  in  die  höheren  und  niederen
Regungen  des  menschlichen  Herzens  erworben  werden  konnte,
was  die  deutsche  Sprache  an  sinniger  Bedeutung  in  sich  schliesst,
des  Evangeliums  wunderbaren  tiefen  Sinn  weiss  er  vom  Hauche
göttlicher  Liebe  erfüllt,  zu  einem  lichtvollen  Ganzen  zu  verweben, ­
  welches  wahre  Armuth  lehren  und  jene  Vollkommenheit ­
  erzeugen  soll,  die  vom  armen  Leben  untrennbar  ist.  Mitten
in  derZeit  der  grössten  Zerwürfnisse  der  höchsten  christlichen
Gewalten  geht  so  von  Tauler  ein  Hauch  der  Liebe  und  der
Geist  des  Friedens  aus.  Der  deutsche  König,  welcher  die
geistigen  Grundlagen  des  Kirchenregiments  und  die  Kirche
selbst  stürmt,  hat  keine  Ahnung  von  den  Schätzen,  welche
ihm  in  nächster  Nähe  in  lieblich  süsser  Sprache,  dem  Ungelehrten ­
  der  Gelehrte  biotot;  der  Papst,  welcher  mit  dem  Abfalle,
Absetzung  und  Tod  bedroht,  nur  mühsam  der  Auflösung
steuert,  hat  nicht  den  Frieden  und  nicht  die  Freiheit,  welche
Tauler  verkündet  und  die  in  einem  einzigen  inbleibenden
Leben  besteht  um  darinnen  Gottes  allein  wahrzunehmen. 1
Das  System  Ekeliards  war  ein  System  der  Freiheit  des
Geistes,  nicht  wie  das  der  Brüder  vom  freien  Geiste  darauf
gerichtet,  sich  von  der  Kirche,  deren  Geboten  und  Satzungen
zu  befreien,  sondern  durch  freithätige  Unterwerfung  des  eigenen

1  Tauler  starb  1361.
            
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