Die roman. Welt und ihr Verhältinss zu den Rofomideen des Mittelalters. 339
Es ist unnöthig, darauf binzuweisen, welcher Uuterscliied
in dem Verfahren Otto’s gegen Johann XII., der den deutschen
König zum Kaiserthum berufen, und Ludwigs war, welcher
Ankläger und Richter in eigener Person, den Papst wegen
Irrlehre, als Häretiker zum Tode verurtheilte. Hatte Papst
Johann gegen die deutsche Nation und das Reich in seiner
Verurtheilung Ludwigs auch noch so grosse Ungebühr sich
zu Schulden kommen lassen, das Verfahren Ludwigs, den er
als Kaiser und König verworfen, rechtfertigte jetzt seine Schritte.
Otto hatte doch wenigstens ein Concil berufen und diesem
die Entscheidung übergehen. Ludwig war der Träger des
Hasses der Italiener gegen den französischen Papst und der
Minderbrüder gegen die richterliche Entscheidung des Papstes
geworden, der jetzt zugleich Hocliverräther und Ketzer geworden
war. Zum Schlüsse versprach der neue Kaiser, in Kurzem für
einen neuen, guten Papst zu sorgen. Es handelte sich um den
Santo pastore, den heiligen Papst der Spiritualen, der jetzt in
der Mitte ihrer früheren Gegner, der Anhänger Bruder Michaels
gesucht ward, welcher selbst damals noch, gewiss sehr widerwillig,
sich in Avignon- befand. Alle klügeren Leute tadelten
Ludwigs Benehmen, wie Giovanni Villani die Sache darstellt;
nur das dumme Volk machte davon grosses Aufheben.
Der Universalmonarch aber, der nach des Marsilio Darstellung
Ludwig war, verfügte nicht über wenige Meilen ausserhalb
der Stadt. Seine Edicte befanden sich in einem lächerlichen
Contraste zu seiner Macht. Sie umfassten mit grossen Worten
die christliche Welt und fanden an den Thoren Roms die
Grenze ihrer Wirksamkeit. Bald auch in Rom seihst.
Die Partei des Papstes war nicht gewillt, sich gutmüthig
zu fügen. Die Scene am 18. April hatte dem gemeinen Manne
gefallen, der sich freut, wenn die Fürsten sich s-ea:enseitioherabsetzen;
der bessere Theil war verstimmt, fügte sich jedoch
m das Unvermeidliche. Bereits war unter denjenigen, die sich
aus Rom geflüchtet hatten oder geradezu vertrieben waren,
der letzte Process, den der Papst gegen Ludwig erhoben hatte,
bekannt, wenn auch derselbe in Rom nicht publieirt worden
war. Man kann sich die Erbitterung vorstellen, die unter den
geflüchteten Geistlichen, unter dem Adel und den treugeblicbenen
Bürgern Rom’s über die Vorgänge vom 18. April herrschte;
Sitzungsber. d. phil.-bi.st. CI. XCI. Bd. II. Hft. 23
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