Die roman. Welt und ihr Verhältnis zu den Reformideen des Mittelalters. 329
worden, die Brüder würden bald von der Kegel abgeleitet
werden und zwar durch Vertrautheit mit Weibern, durch Aufnahme
übermüthiger junger Leute in Betreff der Reinheit der
Sitten, endlich durch Verschiedenheit der Lehrmeinungen in
Betreff des Gehorsams, so dass der Orden bald von seinem
primitiven Bestände abgefallen erscheine. Es war interessant
zu erfahren, dass der Vater der Lüge diesmal eine Wahrheit
zu verkünden hatte. — Von woher aber die Prophezeiung
stamme, war unschwer zu ersehen, da auf einen Ordensbruder
hingewiesen wurde, der noch Grösseres thun werde als Franciscus
gethan und dass der Orden sich dann zu solcher Höhe
der Heiligkeit erschwingen werde, dass durch seine Ermahnungen
der dritte Theil der Menschen sich zum früheren Stande (primitiven
Vollkommenheit) bekehren werde.
Da erfolgte freilich eine Erhebung, aber so schlimmer
Art, dass die ganze Ordnung der Dinge darüber zu Grunde
zu gehen drohte.
Es war im verhängnissvollen Jahre 1316, dass im Generalcapitel
des Ordens zu Neapel Michael von Cesena zum Ordensminister
gewählt worden war. Die Wahl war durch den Bruder
Petrus Aureolo aufgehalten worden. Michael, darauf aufmerksam
gemacht, ernannte ihn zum Lector der Sentenzen über
das die theologischen Facultäten damals und noch lange beherrschende
Werk des Lombarden Petrus. Er wolle nicht,
erklärte der neue Ordensgeneral, dass wegen einer ihm zugefügten
Beleidigung ein so grosses Ordenslicht unterdrückt
werde. 1 Es dauerte nicht lange, und zu den zahlreichen Controversen,
welche die ersten Jahre Johanns XXII. auf dem
kirchlichen und politischen Gebiete füllten, gesellte sich eine
neue, als ein Beguine wegen Vertheidigung des Satzes, dass
Christus und die Apostel, welche den Weg der Vollkommenheit
eingeschlagen, weder im Allgemeinen noch im Besonderen
etwas besassen, vor die Inquisitoren von Narbonne gestellt,
einen Vertheidiger an dem Minoriten Bernard Taloni fand.
Der Inquisitor Johann del Belva aus dem Predigerorden stellte
den Minoriten, der den angeführten Satz als rechtgläubig bezeichnet
hatte, zur Rede. Der Minorit appellirte an den Papst;
1 Antoninus f. CI. X, lit. III, 6.