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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Die  roman.  Welt  und  ihr  Verhältniss  zu  den  Reformideen  des  Mittelalters.  325

glich,  welches  kam  und  verschwand,  durch  die  Bildung  neuer
freier  Genossenschaften  den  höchsten  Grad  erreicht.  Die  Versuche ­
  das  Leben  willkürlich  nach  den  Vorschriften  des  Evangeliums ­
  einzurichten,  häuften  sich.  Mit  vollem  Rechte  hatte
deshalb  Papst  Gregor  X.  auf  dem  Concil  von  Lyon  alle  Orden,
die  seit  1215  (dem  lateranischen  Concil)  entstanden  waren  und
die  päpstliche  Bestätigung  nicht  hatten  erhalten  können,  verboten. ­
  Die  einmal  im  Flusse  befindliche  Bewegung  liess  sich
nicht  aufhalten.  Tausende  hatten  sich  nichtsdestoweniger  an
den  Italiener  Segarelli  angeschlossen,  der  anknüpfend  an  die
damals  übliche  Theorie  der  Weltalter  vier  Zeitalter  heiligen
Wandels  aufstellte. 1  Zuerst  das  der  Väter  des  alten  Testamentes,
dann  Christus  und  die  Apostel  bis  zu  den  Tagen  Sylvesters
und  des  Urhebers  aller  Uebel,  K.  Constantins.  Hierauf  folgte  die
Periode  der  Ausartung  durch  weltlichen  Besitz,  der  erst  Benedict, ­
  dann  Franz  und  Dominicus  steuerten.  Jetzt  müsse,  was
beide  nicht  vermocht,  das  apostolische  Leben  aufgerichtet
werden,  das  dann  bis  zum  Tage  des  jüngsten  Gerichtes  dauern
werde.  Prediger  und  Minoriten  hätten  ihren  Beruf  verfehlt, 2
da  ihr  Leben  nur  mehr  darin  bestehe,  viele  Häuser  zu  besitzen
und  dort  das  Erbettelte  zusammenzutragen.  ,Wir  aber',  sagte
Gerard  zu  den  Seinen,  ,wir  haben  weder  Häuser  noch  dürfen
wir  das  Erbettelte  Zusammentragen  und  eben  deshalb  steht
unser  Leben  höher  und  ist  es  für  alle  die  letzte  Medicin'.  Das
neue  Evangelium  schloss  einen  Vernichtungskampf  gegen  den
besitzenden  Clerus  in  sich.  Ihn  sollte  nach  der  Meinung  Dulcin’s,
des  Schülers  Segarelli’s,  der  Infant  Friedrich  von  Aragon,
König  von  Trinakrien,  Weihnachten  1305  oder  März  1306  in
Rom  selbst  eröffnen,  Italien,  das  schon  Papst  Nicolaus  in  vier
Theile  theilen  wollte,  in  neun  Königreiche  theilen  und  den
Papst  ermorden,  um  einem  siebenten  Engel  der  sieben
Kirchen,  einem  neuen  heiligen  Papste  Platz  zu  machen. 3  Bald
aber  handelte  es  sich  auch  um  die  zügelloseste  Emancipation  des

1  Fra  Bonaventura  stellte  deren  sieben  auf.  Soliloquium.
2  Andere  meinten:  Le  Christ  n’a  rien  fait  que  Francois  n’ait  fait  et  Francois
a  fait  plus  que  le  Christ.  Hist,  liter.  T.  XXIV,  p.  107.
3  Aehnliche  Dinge  waren  schon  früher  (1280)  vorgekommen  und  wiederholen ­
  sich  auch  noch  später,  1330.

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