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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

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228  Muth.
Vater-  und  Bruderkampf  und  Hort  gleich  typische  Bedeutung
haben,  so  werden  wir  auch  in  unserem  Gedichte,  wie  in  so
vielen  andren,  dem  Rother,  der  Kudrun,  eine  Variation  dieser
einfachen  Fabel  erblicken.  In  deutschen  Gedichten  heisst  nun
häufig  der  erlösende  Held  Dietrich:  nicht  nur  der  von  Bern
als  Riesenbekämpfer  und  Jungfrauenbefreier  oder  im  Laurin,
sondern  auch  Rother  legt  sich,  da  er  unter  fremdem  Namen
kommen  muss,  diesen  bei;  im  austrasischen  Cyclus  stehen
Wolfdietrich  und  Hugdietrich.  Die  Namen  sind  also  so  streng
sagengemäss  und  so  wenig  willkürlich  gewählt  und  vertheilt,
dass  angenommen  werden  muss,  dass,  wenn  nicht  eine  deutsche
Sage  ausgedehntere  Benützung  gefunden  hat,  ihr  wenigstens
die  Namen  entlehnt  sind.
Im  ,Mythus  vom  Markgrafen  Rüdeger*  habe  ich  auf  ein
Götterverhältniss  hingewiesen,  das  ich  als  Utraquismus  bezeichnet ­
  habe,  nämlich  die  Doppelseitigkeit  dämonischer  Wesen,
wonach  dieselbe  Gestalt  bald  als  gütige,  bald  als  zürnende
Macht  erscheint,  wenn  sich  nicht  gemäss  der  dualistischen
Tendenz  aller  Mythen  ein  selbstständiges  Gegenbild  geformt  hat.
Hier  spielt  nun  die  Rolle  des  verweigernden  Vaters,  der
zur  Herausgabe  der  Tochter  gezwungen  wird  —  denn  seine
Absicht  bei  Veranstaltung  des  Zweikampfes  ist  den  Plänen  der
Liebenden  nicht  günstig  —  der  milde  Frute,  der  in  Deutschland ­
  sonst  nur  ein  Ideal  der  höfischen  Milde  gleich  Rüdeger,
in  der  dänischen  Sage  weit  bedeutender,  eine  Hypostase  Freyrs
sonst  allenthalben  als  eine  liebenswürdige,  freundliche  Persönlichkeit ­
  auftritt.  Auch  in  unserem  Gedichte  verläugnet  er  seinen
Charakter  nicht:  seine  Handlungsweise  ist  überall  milder,  als
man  erwarten  sollte;  nur  an  einem  ungewohnten  Platz  ist  er
verschoben;  aber  diese  Verschiebung  als  Folge  des  Utraquismus ­
  ist  gleichfalls  ein  bei  der  Ausbildung  der  deutschen
Sagen  gewöhnlicher  Process. 1  Ebenso  erscheint  Osangtrix,  der
dem  Wilcinus  gegenüber,  Träger  der  nordischen  Form  der
Rothersage,  als  Bewerber  auftritt,  dem  Atli  gegenüber  als
verweigernder  Vater;  ebenso  Hetele,  der  Hilde  von  Hagen
ertrotzen  musste,  als  verweigernder  Vater  dem  Hartmuot  gegen-'
  Auch  der  Grund,  weshalb  Frute  die  Hand  seiner  Tochter  verweigert,
offenbar  die  Unebenbürtigkeit  —  E.  ist  wol  freier,  aber  (V.  223.  284)
geringer  Leute  Kind  —,  ist  ein  echt  deutsches  Sagenmotiv.
            
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