Zur Geschichte und Kritik der deutschen Heldensage und Volksepik.
225
II. (5135) Dietrich wird, heimgekehrt, vom Aussatze befallen,
so dass er sich von der Gemeinschaft der Menschen
scheiden, einsam im Walde niederlassen muss; ihm träumt,
dass er durch das Blut zweier Kindlein geheilt werden könne,
der Söhne Engelhards. Er weist den Gedanken ab; jedoch,
auch in der Einsamkeit von den Seinen gemieden, sucht er
den Freund aus Notli auf; dieser entlockt dem Betrübten das
Geheimniss der Heilung und opfert, nach schwerem Seelenkampfe
gegen des Kranken Willen die Kinder. Dietrich wird
sofort geheilt; doch auch die Knaben leben wieder auf, nur
um den Hals ein rothes Streiflein.
Der lose Zusammenhang beider Theile, so wie die Quelle
des zweiten, ist unzweifelhaft. Wir haben es mit einer Variante
der sogenannten Freundschaftssage zu tliun, als deren vornehmste
Repräsentanten sonst Amicus und Amelius oder Athis
und Prophilias gelten. Ueber dieselbe handeln A. Keller, Roman
des sept sages; M. Haupt, Engelhard; W. Grimm, Athis — in
den Einleitungen; der letztere überdies ,Athis und Prophilias'
HZ. 12, 185—203, wo eine Anzahl orientalischer und romanischer
Varianten ausführlich gegeben ist, und Scherer, MSD.
>S. 342 f. zu Nr. XXIII ,de Lantfrido et Cobbone', einer lateinischen
Versification des zehnten Jahrhunderts. 1 Haupt hat
a. a. 0. jedes deutsche Element der Erzählung schroff geläugnet;
Scherer erörtert die verschiedenen Variationen der
Sage, die er in zwei Classen theilt, deren einer, der freier
redigirenden er auch unser Gedicht zuzählt, und auch er findet,
dass sich ,die Fort- und Umbildung ausserhalb Deutschlands
vollzog'. Dies erscheint als ein Irrthum. So falsch es wäre, die
Sage von den Blutsbrüdern und ihrer Aufopferung für Deutschland
reclamiren zu wollen; so wenig der zweite Theil, der ganz
zu den zu Grunde liegenden orientalischen Varianten stimmt,
die durch romanische Vermittlung unseren Dichtern bekannt
wurden — Konrad beruft sich v. 212. G493 auf ein lateinisches
Gedicht —, seinen ausländischen Ursprung verläugnet; eben
so wenig lassen sich im ersten Theile nationale, sagenhafte
Bestandtheile verkennen: derselbe wurde, wie im Orient die
1 Neuesten« auch, V f. nachträglich bekannt geworden, Iiölbing in Paul-Braune,
Beitr. 4, 271—314.