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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 91. Band, (Jahrgang 1878)

Zur  Geschichte  und  Kritik  der  deutschen  Heldensage  und  Volksepik.

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II.  (5135)  Dietrich  wird,  heimgekehrt,  vom  Aussatze  befallen, ­
  so  dass  er  sich  von  der  Gemeinschaft  der  Menschen
scheiden,  einsam  im  Walde  niederlassen  muss;  ihm  träumt,
dass  er  durch  das  Blut  zweier  Kindlein  geheilt  werden  könne,
der  Söhne  Engelhards.  Er  weist  den  Gedanken  ab;  jedoch,
auch  in  der  Einsamkeit  von  den  Seinen  gemieden,  sucht  er
den  Freund  aus  Notli  auf;  dieser  entlockt  dem  Betrübten  das
Geheimniss  der  Heilung  und  opfert,  nach  schwerem  Seelenkampfe ­
  gegen  des  Kranken  Willen  die  Kinder.  Dietrich  wird
sofort  geheilt;  doch  auch  die  Knaben  leben  wieder  auf,  nur
um  den  Hals  ein  rothes  Streiflein.
Der  lose  Zusammenhang  beider  Theile,  so  wie  die  Quelle
des  zweiten,  ist  unzweifelhaft.  Wir  haben  es  mit  einer  Variante
der  sogenannten  Freundschaftssage  zu  tliun,  als  deren  vornehmste ­
  Repräsentanten  sonst  Amicus  und  Amelius  oder  Athis
und  Prophilias  gelten.  Ueber  dieselbe  handeln  A.  Keller,  Roman
des  sept  sages;  M.  Haupt,  Engelhard;  W.  Grimm,  Athis  —  in
den  Einleitungen;  der  letztere  überdies  ,Athis  und  Prophilias'
HZ.  12,  185—203,  wo  eine  Anzahl  orientalischer  und  romanischer ­
  Varianten  ausführlich  gegeben  ist,  und  Scherer,  MSD.
>S.  342  f.  zu  Nr.  XXIII  ,de  Lantfrido  et  Cobbone',  einer  lateinischen ­
  Versification  des  zehnten  Jahrhunderts.  1  Haupt  hat
a.  a.  0.  jedes  deutsche  Element  der  Erzählung  schroff  geläugnet;
  Scherer  erörtert  die  verschiedenen  Variationen  der
Sage,  die  er  in  zwei  Classen  theilt,  deren  einer,  der  freier
redigirenden  er  auch  unser  Gedicht  zuzählt,  und  auch  er  findet,
dass  sich  ,die  Fort-  und  Umbildung  ausserhalb  Deutschlands
vollzog'.  Dies  erscheint  als  ein  Irrthum.  So  falsch  es  wäre,  die
Sage  von  den  Blutsbrüdern  und  ihrer  Aufopferung  für  Deutschland ­
  reclamiren  zu  wollen;  so  wenig  der  zweite  Theil,  der  ganz
zu  den  zu  Grunde  liegenden  orientalischen  Varianten  stimmt,
die  durch  romanische  Vermittlung  unseren  Dichtern  bekannt
wurden  —  Konrad  beruft  sich  v.  212.  G493  auf  ein  lateinisches
Gedicht  —,  seinen  ausländischen  Ursprung  verläugnet;  eben
so  wenig  lassen  sich  im  ersten  Theile  nationale,  sagenhafte
Bestandtheile  verkennen:  derselbe  wurde,  wie  im  Orient  die

1  Neuesten«  auch,  V  f.  nachträglich  bekannt  geworden,  Iiölbing  in  Paul-Braune,
  Beitr.  4,  271—314.
            
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