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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Erasmiana.  I.

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den  bekannten  Ausspruch,  er  habe  das  Ei  gelegt;  aber  Luther
habe  es  ausgebrütet.
Choler  nahm  keinen  Anstand,  selbst  entschieden  zu
schüren  1  (1534),  er  erklärt  z.  B.,  es  habe  ihn  verdrossen,  wie
sanft  (!)  Erasmus  den  Luther  behandelt,  dessen  Petulanz  habe
das  nicht  verdient,  am  Meisten  habe  ihn  aber  geärgert,  dass
Erasmus  äussere,  er  habe  nie  aufgehört,  Luther  zu  lieben.
Zum  Schlüsse  des  sehr  ordinären  Schreibens  fordert  Choler
den  Erasmus  auf,  seinen  Stil  zu  schärfen  ,ut  aliquando  intelligat
  te  virum  esse,  nisi  malis  apud  Melanthonem
causam  deprecari,  ne  quid  in  te  moliatur  Lutheri,  quod
te  fecisse  aemuli  tui  iactant  et  calumniantur,  nescis  spermologi
iactent!  Und  ganz  ähnlich  in  einem  späteren  Briefe  (24.  Juni
1534). 2  Alle  Freunde  rathen  ihm,  wenn  Luther  nochmals  antrete ­
  ,ne  homini  parcere  uelis,  sed  propriis  illum  suis  coloribus
depingere',  Erasmus  möge  dafür  sorgen,  dass  Luther  einsehe,
dass  auch  er  Feder  und  Zunge  habe.
Erasmus  ward  durch  alles  dieses  nicht  abgestossen,  aber
Misstrauen  erhob  sich  in  seiner  Seele,  dass  Choler  seine  Briefe
lesen  lasse,  ein  Verdacht,  gegen  den  sich  Choler  damit  vertheidigt,
  dass  er  angibt,  dieselben  nur  dem  Bischof,  Baumgartner ­
  und  Fugger  mitgetheilt  zu  haben.
Ein  von  Erasmus  warm  verehrter  Gönner  war  der  früher
genannte  Bernhard  von  Gloess.  In  Tirol  um  1485  geboren,
studirte  er  zu  Verona  und  Bologna,  wurde  Canonicus  und
Archidiacon  zu  Trient,  dann  päpstlicher  Protonotarius  und
Bischof  von  Trient;  man  verwendete  ihn  auch  als  Gesandten
Karls  V.,  1527  wurde  er  Kanzler  König  Ferdinands  I.,
1529  Cardinal  mit  dem  Titel  S.  Stephani  in  Coelio  Monte.
Dass  er  die  Wissenschaften  und  Gelehrten  hochgeschätzt,  zeigen
die  Briefe  an  Nausea,  F.  Faber,  Bembo  und  Erasmus.  1539
starb  Bernhard  als  Administrator  Brixens  erst  fünfundfünfzigjährig.
 3
Den  Erasmus  lud  er  1523  zu  sich  ein,  eine  Einladung,
die  derselbe  unter  Hinweis  auf  seine  Berufung  durch  Clemens ­
  VII.  nach  Rom,  durch  den  Kaiser  nach  Brabant,  durch

1  Öpicileg.  II.  26.
•  Spicileg.  III.  3.
3  Nach  Burscher  1.  c.
            
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