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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Erasmiana.  I.

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das  iudicium  posteritatis  ein  besseres  sein.  Ego  tanquam  gregarius
  miles  tua  signa  sequens  schliesst  er  artig  sein  Schreiben,
das  auch  in  anderen  Stücken  (z.  B.  in  der  warmen  Vertheidigung
  des  todten  Nesen)  zu  den  schönsten  Beweisen  für  Melanchthon’s
  verehrungswürdigen  Charakter  gehört.
Sehr  erregt  drückt  sich  dagegen  Erasmus  in  einem
Schreiben  an  Georg  gegen  Luther  aus  (30.  Juni  1530);  er
findet  nichts  Gutes  an  ihm,  spottet  über  seine  Schrift  über
die  Türken  und  ergeht  sich  in  den  rücksichtslosesten  Ausfällen. ­
  Freilich  muss  man  sich  die  damalige  Stimmung  des
Erasmus,  der  körperlich  wieder  einmal  ungemein  litt,  durch
den  Zusammenstoss  mit  Geldenhauer  1  und  seine  Anfeinder  im
katholischen  Lager  aufs  Höchste  erbittert  war,  vergegenwärtigen, ­
  wenn  man  ihm  hinsichtlich  des  Tones  jenes  Briefes  gerecht ­
  werden  will. 2
In  Wittenberg  (oder  doch  wenigstens  Melanchthon)  erwartet ­
  man  von  Erasmus  noch  immer  ein  gewisses  Wohlwollen
für  die  evangelische  Sache.  Melanchthon  hatte  erfahren,  dass
Erasmus  vom  Kaiser  zum  Reichstage  nach  Augsburg  berufen
worden  sei, 3  schon  am  27.  Juli  schreibt  er  an  diesen, 4  drückt
ihm  seine  Befriedigung  darüber  aus,  dass  er  beim  Kaiser  sich
gegen  gewaltthätige  Pläne  ausgesprochen,  bittet  ihn,  von  dieser
Bemühung  nicht  ablassen  zu  wollen;  Ruhmvolleres  könne  er
nicht  thun.  Und  nochmals  beschwört  er  ihn,  den  Kaiser  zu
ermahnen,  den  Krieg  gegen  die  Mitbrüder  nicht  zu  beginnen,
die  sich  ja  nicht  weigern,  auf  billige  Bedingungen  einzugehen.
Der  Brief  ist  unter  dem  Eindrücke  der  Besorgniss  geschrieben,
welche  die  drohende  Apostrophe  am  Schlüsse  der  ,Confutatio‘
der  katholischen  Theologen  in  Melanchthon  und  seinen  Glaubensverwandten ­
  erzeugen  musste.  Allerdings  hiess  es,  den  Einfluss
des  Erasmus  überschätzen,  wenn  man  erwartete,  er  werde  den
Hetzereien  der  dominicanischen  Partei  ein  Ende  machen  können,
und  er  selbst  widersprach  schon  2.  August  1530  in  einem

1  Die  Streitschrift  ,Contra  quosdam,  qui  se  falso  iaciant  Evangelicos“:
Opera  X.  1574  ff.
2  Der  Brief  abg.  Opera  III.  1293.
3  In  seinem  Schreiben  an  Luther  Corp.  Reform.  II.  145.
4  Corp.  Reform.  I.  232.
            
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