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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

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H  o  r;i  w  i  tz.
würde,  wie  ja  das  schon  öfter  geschehen.  Mit  Strafen  und
Hinrichtungen  aber  richte  man  nur  für  einen  Augenblick  etwas
aus.  —  So  wenig  diese  Auffassung  des  Erasmus,  die  grosse
Bewegung  mit  kleinen  Mitteln  aufhalten  zu  wollen,  Aussicht
auf  Erfolg  gehabt  hätte,  so  sehr  gering  war  die  Hoffnung,  auch
nur  Derartiges  durchzusetzen.  Wie  anstössig  sofort  jede  Bemerkung ­
  freierer  Art  erschien,  musste  Erasmus  selbst  ersehen.
Er  hatte  einmal  geäussert,  ihm  scheine  jede  der  streitenden
Parteien  nicht  nüchtern  zu  sein.  Jetzt  muss  er  sich  Pistorius
gegenüber  rechtfertigen:  Er  habe  damit  nur  einige  Theologen
und  Mönche  gemeint,  möchte  überhaupt  nicht  alle  Lehren  der
Transalpiner  vertheidigen,  so  z.  B.  jene  Lehre,  der  eine  Papst
gelte  mehr  als  alle  Kirchen  und  das  christliche  Volk.
Er  habe  übrigens  nicht  gesagt,  dass  er  auf  keiner  Seite  stehe,
sondern  nur  dass  er  ,neutri  addictum  esse',  worauf  er  mit  einer
köstlichen  Wendung  die  Definition  gibt:  ,Addictus  autem  est,
qui  seruit  in  omnibus'.  Ueber  das,  was  nach  seiner  Ansicht
abgeändert  werden  solle,  spricht  er  sich  im  Verlaufe  des
Schreibens  ebenfalls  aus.  Er  sähe  nichts  Arges  darin,  wenn
die  Kirche  den  Gebrauch  des  Abendmahles  in  zwei  Gestalten
zuliesse,  denn  auch  den  Böhmen  habe  die  Kirche  diess  einst
erlaubt.  Auch  über  den  Coelibat  denkt  er  nicht  allzu  conservativ;
  jetzt,  meint  er,  sei  statt  der  den  Priestern  und  Mönchen
so  nöthigen  Keuschheit  Alles  in  das  Gegentheil  verkehrt,  da
wäre  vielleicht  das  mindere  Uebel  zu  erkiesen.  Doch  fügt  er
besorgt  hinzu,  wenn  dies  den  Vorständen  der  Kirche  nicht  gefalle, ­
  so  möge  man  es  für  einen  Traum  halten  (!).  Ohnedem
sehe  er  täglich,  wie  man,  wenn  er  noch  so  vorsichtig  etwas
begonnen,  mit  Verläumdungen  hinter  ihm  her  sei,  als  ob  man
es  gerade  darauf  anlegen  möchte,  ihn  durch  Beschimpfungen
auf  die  Seite  Luther’s  zu  treiben. 1  Pistorius  möge  es  dem
Fürsten  aber  Vorbringen,  dass  sein  ganzes  Bemühen  darauf
abziele,  die  scholastische  Theologie  wieder  zu  den  Quellen  der
heiligen  Schrift  zurückzuführen,  damit  in  den  Sitten  der
Menschen  weniger  Ceremonien,  im  Gemüthe  mehr  Frömmigkeitherrschen, ­
  die  Bischöfe  und  Geistlichen  ihres  Dienstes  sich

1  Freilich  fügt  er  sogleich  hinzu:  Quod  nunquam  efficient  donec  propitius
Dominus  mihi  mentem  hanc  esse  patietur.
            
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