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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Erasmiana.  I.

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allem  Verdacht,  der  auf  ihm  lastete,  freigemacht.  Was
man  aber  von  Erasmus  noch  erwartete,  zeigt  ganz  trefflich  der
Satz:  Exspectamus  autem  a  te  non  solum  liberi  Arbitrii
egregiam  defensionem  sed  et  confutationem  aliorum
omnium,  quibus  causam  illam  vestit  et  imprimis,  qtiod  Ecclesiam
  ad  nihilum  redigit  et  ex  aliquorum  corruptis  moribus  de
ipsius  doctrina  et  institutis  Hussitico  more  pronuntiati  atque  quod
verbum  Dei  non  sine  tumultu  propagari  posse  contendit.  Und
Pistorius  eröffnet  sofort  weitere  Perspectiven:  Quae  certe  si
falsa  esse,  ut  nihil  addubitamus  persuadebis,  non  solum  in
libero  Arbitrio  victoriam  obtinebis,  sed  et  omnia  alia  ipsius,
quibus  vulgo  perstringit  oculos,  subvertes,  et  eos  ad  Ecclesiae
  imitatem  reuocabis,  qui  temere  discessere.  Das
ist  doch  deutlich  genug!  Man  ist  mit  den  bisherigen  Leistungen
noch  nicht  zufrieden,  Erasmus  soll  seine  ganze  Kraft  der  Bekämpfung ­
  der  ,Irrlehren'  zuwenden,  man  schmeichelt  ihm,  indem
man  die  grosse  Bedeutung  seines  vornweg  angenommenen  Sieges
für  die  Heimbringung  der  Abgefallenen  darlegt. 1  Dass  Erasmus
trotz  all’  dieser  Köder  und  seiner  heftigen  Zweiung  mit  Luther,
wovon  unter  Anderem  auch  sein  Brief  an  diesen  zeigt, 2  durchaus
nicht  gemeint  war,  bedingungslos  ins  Lager  der  Päpstlichen  zu
gehen,  zeigt  sein  Schreiben  an  Pistorius  aus  dem  Jahre  1526, 3
in  dem  er  sehr  vorsichtig  zwischen  den  Constitutionen  der
Kirche,  die  aus  allgemeinen  Concilien  hervorgingen,  den  Bestimmungen ­
  einzelner  Bischöfe,  des  Papstes  und  der  päpstlichen ­
  Kammer  unterscheidet,  schliesslich  aber  die  vorsichtige
Unterscheidung  mit  der  offenen  Erklärung  beschliesst,  es  käme
Alles  zur  Ruhe,  wenn  man  Einiges  abändern  wolle.  Aber  es
wolle  eben  Niemand  nachgeben,  obwohl  es  der  Kirche  nicht
schaden  würde,  wenn  Einiges  von  ihren  Häuptern  geändert
1  Hier,  wie  «in  vielen  anderen  Stellen  der  Correspondenz  wird  erwähnt,
dass  deutsche  Schriften  für  Erasmus  ins  Lateinische  übersetzt  werden
mussten.  An  einem  anderen  Orte  erklärt  er,  eine  deutsche  Schrift  nicht
gelesen  zu  haben,  weil  er  sie  nicht  verstünde.  Daraus  lässt  sich  aber
für  die  bekannte  Streitfrage,  ob  Erasmus  deutsch  gekonnt  oder  nicht,  kein
fester  Schluss  ziehen.  Er  kann  ja  deutsch  verstanden  haben,  ohne  im'
Stande  gewesen  zu  sein,  ein  Buch  in  dieser  Sprache  leicht  und  ganz
zu  verstehen.
2  Cf.  Hess  Erasmus  II.  S.  227  f.
3  Opera  III.  966.

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