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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

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Horawitz.

äussert  er  sich  über  Luther  und  die  Verhältnisse.  Niemand,
meint  er,  schade  Luther  mehr,  als  die,  welche  die  eifrigsten
Lutheraner  sein  wollten.  Dabei  versichert  er  freilich:  ,Non
defuturus  sum  Euangelico  negotiof  Gegen  Melanchthon  zeigt
er  die  grösste  Achtung,  er  nennt  ihn  für  die  Wissenschaft  geboren, ­
  betheuert,  dass  er  der  evangelischen  Lehre  nie  gezürnt,
wohl  aber  ärgere  ihn  Vieles  in  Luther’s  Lehre  und  an  Luther
selbst,  der  mit  so  unpassenden  Bezeichnungen  um  sich  werfe,
wie  ,Pontifex  antichristes'  u.  dgl.,  der  es  offen  ausspreche,
,nullum  esse  liberum  arbitrium,  sed  omnia  necessitate  geri‘,
hier  sehe  er  Beispiele  evangelischer  Gesinnung,  vor  denen  er
erschrecke.  Man  dürfe  freilich  nicht  dem  platonischen  Staatstraume ­
  folgen,  dass  die  Massen  nicht  ohne  Lügen  regiert  werden
könnten,  aber  es  fromme  nichts,  alle  Wahrheit  auf  jede
Weise  dem  Volke  zu  verrathen!  ■—  Er  wisse  recht  wohl,
dass  Luther  über  ihn  zu  Freunden  gar  nicht  in  dem  Sinne
schreibe,  wie  Melanchthon  es  darstelle.  Melanchthon  wolle
Luther  zu  massvoller  Antwort  veranlassen,  er  solle  ihn  lieber
nur  nach  seiner  Natur  schreiben  lassen,  denn,  wenn  er  so  sich
selbst  unähnlich  erwidere,  werde  man  an  ein  Einverständniss
glauben.  Das  Eine  verspreche  er  zum  Schlüsse,  dass  er  niemals ­
  wissentlich  gegen  das  Evangelium  die  Waffen  ergreifen
werde. 1  Schrieb  hier  Erasmus  ziemlich  ärgerlich  gegen  Luther,
so  lobt  er  Herzog  Georg  gegenüber  zwei  Tage  nach  jenem
Briefe  denselben  reichlich.  Bei  seinem  ersten  Auftreten  hätten
dem  Luther  ja  Alle  zugejubelt,  wie  er  glaube,  auch  der  Herzog,
ja  sogar  Cardinäle  und  Theologen;  habe  er  ja  doch  eine  gute
Sache  gegen  die  völlig  verdorbenen  Sitten  in  Kirche  und
Schule  vertreten!  Dass  es  so  weit  gekommen,  sei  die  Schuld
der  Mönche  und  der  Heftigkeit  Luther’s,  mit  dem  er  keine
Verbindung  habe.  Aber  er  sei  auch  nicht  der  richtige  Mann,
um  Luther  zu  unterdrücken.  Was  wäre  denn  bei  einem  theologischen ­
  Zank  für  ihn  zu  gewinnen?  Würde  er  gegen  Luther
nicht  so  toben,  wie  sie  von  Hass  erfüllt  seien,  so  werde  es  ihnen
nicht  genügen.  Und  wem  würde  er  dadurch  dienen?  Seinen
Feinden  und  denen  der  Wissenschaft.  Was  würde  Erasmus
dann  werden,  als  deren  Henkersknecht!  Feinde  werde

1  Corpus  Reform.  I.  688.
            
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