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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Erasmiana.  I.

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nicht  aber  bloss  geändert;  wenn  man  schon  nachgeben  müsse,
wolle  er  es  lieber  den  Päpsten  und  Bischöfen,  wie  sie  nun
einmal  sind,  als  jenen  schmutzigen  Phalarissen,  die  noch  unerträglicher ­
  sind  als  Jene. 1
Auch  dieser  Brief  athmet  noch  eine  grosse  Unsicherheit;
die  Streitschrift  war  erschienen,  Erasmus  aber  fühlt  sich  beinahe
zu  einer  Apologie  getrieben,  dass  er  endlich  gesprochen.  Und
diess  Georg  gegenüber,  der  in  der  Abfassung  und  Veröffentlichung ­
  jener  Schrift  ja  nur  ein  löbliches  Thun  sehen  musste.
Eine  gewisse  Bangigkeit  mag  aber  die  Seele  Erasmus  erfüllt
haben,  wenn  er  an  die  Wittenberger  dachte.  Was  würden  sie
dazu  sagen?  In  einer  solchen  psychologisch  sehr  erklärlichen
Stimmung  schrieb  Erasmus  zwei  Tage  nach  jenem  Briefe  an
Herzog  Georg  ein  ausführliches  Schreiben  an  Melanchthon. 2
Dieser  Brief  beginnt  sehr  artig:  Erasmus  hätte  sich  gefreut,
Melanchthon  bei  sich  zu  sehen,  er  hätte  gewiss  die  Nachrede,
die  daraus  entstanden  wäre,  verachtet.  Wäre  Wittenberg  nicht
so  weit  —  er  würde  hinkommen,  um  mit  Luther  und  ihm  verkehren ­
  zu  können  (!).  Er  spricht  es  auch  ganz  offen  aus,  dass
er  dem  Werke  der  Erneuerung  der  evangelischen  Freiheit
hold  gewesen,  zählt  ausführlich  und  mit  sichtlichem  Behagen
seine  irenistischen  Strebungen,  sowie  mit  ziemlicher  Absichtlichkeit ­
  auch  die  Versuche  gewisser  Leute  auf,  ihn  in  Missgunst ­
  zu  bringen,  ebenso  seine  vermittelnde  Thätigkeit  beim
Papste  und  den  Fürsten, 3  bemerkt  aber  dabei  zugleich,  er
wisse  nicht,  wozu  man  die  Päpste  absetzen  solle,  um  ihre
schäbigen  Nachahmer  zu  ertragen,  wie  man  den  Uneinigen  zu
Liebe  von  den  orthodoxen  Vätern  und  Concilien  abfallen  könne.
Erasmus  nimmt  dabei  die  Evangelischen  ziemlich  scharf  mit,
namentlich  den  Alberus  und  beginnt  dann  zum  Schlüsse  eine
Erklärung,  warum  er  sein  Buch  ,de  libero  arbitrio'  herausgegeben, ­
  indem  er  den  Melanchthon  geradezu  apostrophirt:
,Miraberis  cur  emiserim  libellum  de  libero  arbitrio'.  —  Er
schildert  nun  die  zahllosen  Angriffe  seiner  Feinde  und  wie

1  Opera  III.  812.
2  Corpus  Reformatorum  I.  667.
3  Clamores  Theologorura  quoad  potui  compescui,  principum  saeuitiam  cohibui,
  quod  et  hodie  facio.
            
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