400
Horawitz.
geht so weit, zu versichern, dass er nicht bloss selbst sich von
ihm ferngehalten, sondern auch die Anderen vor ihm gewarnt
hätte. Für sein Stillschweigen führt er den Hilarius ins Treffen,
der gegen die Arianer noch länger als er geschwiegen. In
seinen Werken habe er übrigens schon oft gesagt, was Luther’s
Anschauungen widerspreche. — Man sieht, wie sehr er Alles
aufführt, um sein Verhalten zu rechtfertigen und sich dem ihm
so lästigen offenen Auftreten gegen Luther zu entziehen. Voll
Selbstgefühl und Erbitterung äussert er schliesslich — nachdem
er schon früher schneidend bemerkt, dass dort, wo man mit
Confiscationen u. dgl. arbeite, man seiner Hilfe nicht bedürfe:
Ich bin doch nicht geboren und eingeübt für solche Gladiatorenkämpfe!
Er endet mit der Versicherung, Alles, was in
seinen Kräften läge, für die Kirche thun und Luther’s Partei
auch fürderhin fern bleiben zu wollen. Endlich aber entschloss
er sich doch, in der bekannten Schrift ,de libero arbitrio
1 gegen Luther aufzutreten und dieselbe dem Herzog zu
senden. Er schrieb demselben unter dem 4. September 1524
und entschuldigte sich, dass er bisher nicht dazu gekommen,
gegen Luther zu schreiben; Alter und Begabung eigneten ihn
nicht zu solchem Geschäfte, ein eigenthtimlicher Zug seiner
Natur lasse ihn vor dergleichen Gladiatorenkämpfen zurückschaudern.
Bisher habe er Luther’s Lehre als ein nothwendiges
Uebel betrachtet, durch das in den argen Verderb der Kirche
Gesundheit gebracht werde, so bitter auch das Heilmittel sei.
Da er aber nunmehr vernommen, man halte sein Schweigen
für eine Verabredung mit Luther, mit dem er keinen geheimen
Bund habe, und er unter dem Namen des Evangeliums ein
neues Völklein emporwachsen gesehen: frech, unzüchtig, unerträglich,
kurz so, dass es Luther auch nicht ertragen könne,
den es übrigens gerade so verachte, wie die Bischöfe und die
Fürsten, so trete er in die Scene. Ob es nützen werde, wisse
er nicht, er wünsche nur, dass es dem christlichen Gemeinwesen
fromme. — Er lässt die Bemerkung fallen, des Königs
von England Brief sei es vornehmlich gewesen, der ihn anspornte,
mehr noch freilich die ,improbitas rabularum', die,
wenn sie nicht in Schranken gehalten werden, das Evangelium
und zugleich die Wissenschaft verderben würden. Er habe
gehofft, die Tyrannei der Pharisäer werde gestürzt werden,