396
Horawitz.
Die anbei mitgetheilten Briefe Stadion’s an Erasmus vom
10. April 1531 und 12. Januar 1532 geben viele Nachrichten
über die politischen Verhältnisse, die Wahl König Ferdinands,
die Türkengefahr und das Fortschreiten der lutherischen Anschauungen
in Augsburg, über Gerüchte von Oecolampadius.
Besonders interessant aber ist die Aufforderung (a. a. 1532)
des Bischofs, die Sorbonnisten für ihre Angriffe auf Erasmus
einmal tüchtig abzufertigen, da er nicht einsehe, was sie denn
Gutes geleistet, sie hätten gewiss wieder nichts als conclusiones,
illationes und corolaria geschrieben. Noch entschiedener äussert
sich Stadion in dem werthvollen Briefe vom 4. April 1533, in
dem er einige theologische Fragen bespricht, die radicalen
Bewegungen der Augsburger gegen Messe und Priesterschaft
schildert, die Versprechungen des Papstes und Kaisers hinsichtlich
eines Nationalconcils aber leere Worte nennt. In diesem
Schreiben spricht sich Stadion für die Zulassung der deutschen
Sprache in der Kirche aus, weil dadurch die Andacht der Hörer
viel inniger und grösser würde, plaidirt für die Aufhebung
des Coelibates, die er sich sehr leicht denkt, und legt Erasmus
seine Bedenken über die Irrthümer Caietans vor. Er dankt
dem Gelehrten für die Uebersendung der neuen Homilie des
Chrysostomus, die er lesen werde, um dann sein Urtheil zu
äussern. ,Doch wozu ein Urtheil!', unterbricht er sich selbst,
,da ja nichts von Dir ausgeht, was nicht in jeder Hinsicht
vollendet wäre. Diess werden alle Gelehrten bestätigen mit
Ausnahme weniger tollköpfiger (cerebrosi) Theologen und
Mönche, die ja damit nur die eigene Dummheit entlarven.'
Die Freundschaft mit Stadion blieb auch fortan bestehen.
Der letzte Brief des Bischofs, der bekannt ist, trägt das Datum:
8. August 1533 1 und ist ein Begleitschreiben für zwei Pferde,
die der liberale Fürst dem Erasmus zum Aussuchen eines
sanft gehenden Thieres sendet. Dabei meldet er Politisches,
fei'ners dass die Augsburger 'sich mehr zu Zwingli als zu Luther
neigen und wundert sich über die Blindheit der Sorbonnisten
und die ,Beddaische Tragödie'. — Erasmus aber wusste von
Stadion stets nur Rühmliches zu sagen; um 1529 schreibt er
z. B. an Konrad von Dingen, den Bischof von Würzburg von
1 Spicilegium III. 22.