Erasmiana. I.
393
zu sein. Erasmus spricht schon um 1528 1 in einem Briefe an
den Bischof viel mehr Befürchtungen vor der Entwickelung
der reformatorischen Bewegung aus, er meint, es werde wie
bei einer Krankheit gehen und endlich Alles zu spät sein.
Freilich liegt nach seiner Ansicht auch ein grosser Fehler in
den Mönchen und Theologen, die durch ihr Geschrei und ihre
Plumpheit die Sache noch schlimmer machen und Leute zur
Irrlehre treiben, die sich sonst nie derselben angeschlossen
hätten, sie verdammen auch das aus Hass gegen Luther, was
fromm und nicht erfunden, sondern von Christus und den
Aposteln überliefert wurde. Erasmus liess dabei merken, dass
auch er durch solchen Unverstand mehr und mehr auf die
Seite der Neuerer getrieben werde. ,Was thaten sie doch
und thun sie stets, um mich durch Unbilden Abgematteten
ins Lager der Lutheraner zu stossenb Ihn
bezeichne man als den wahren Urheber des ganzen Sturmes,
solche Aeusserungen führe er aber auf Hieronymus Aleander
zurück, einem Menschen, von dem er nichts Anderes sagen
wolle, als dass er nicht sehr übertrieben wahrheitsliebend sei.
Und doch könne Niemand eine Ketzerei aus seinen Schriften
nachweisen, obwohl ganze Heerden mit aller Mühe darnach
suchen, es aber nur zu Verdachtsäusserungen und Lügen
bringen. Freilich geschieht es ihnen dabei oft, dass sie das,
an dem sie herumknuspern, nicht einmal verstehen, so verurtheile
man ihn als Ketzer, weil man weder Latein noch
Griechisch verstände. 2 Weder der Kaiser, noch der Bischof
von Toledo könne jene Menschen bändigen. Er wolle übrigens
lieber alle seine Lucubrationen ausgetilgt sehen, als wissen,
dass man aus ihnen Gottlosigkeit schöpfe. — Stadion hatte
Erasmus schon früher eingeladen, der Gelehrte entschuldigte
sich aber — wie gewöhnlich — mit seiner so sehr angegriffenen
Gesundheit, die ihm auch unmöglich machte, die Einladungen
des Kaisers, König Ferdinands, der Margaretha von Parma,
der Könige von England, Frankreich und Polen anzunehmen.
Die Antwort auf dieses Schreiben gibt die bisher unbekannte
' Cf. Erasmi Opera et Clericus III. 1094.
2 Er erzählt als Beleg eine köstliche Geschichte von einem Dominicaner
und dem Madrider Arzt Xuarez.
26*