Erasmiana. I.
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Gedanken erkläre, deren Berechtigung er nicht bloss anerkannt,
sondern auch selbst in den Jahren seines sich erhebenden Ruhmes
ausgesprochen. Es konnte nicht erwartet werden, dass er die
Männer angreife, die zu ihm als dem ,Unicum decus Germaniae‘
bewundernd emporblickten, die seine Mitkämpfer im
Streite gegen die Scholastik und die Dunkelmänner, die sein
begeistertes Publicum, seine hingehendsten Schüler gewesen!
Hätte er sich dem ihm gewiss nicht sympathischen Luther
unbedingt angeschlossen, so musste er seine Individualität,
seine Art zu sein, und die gewohnten liebgewordenen Verhältnisse
und Beziehungen zum Opfer bringen; trat er an die Seite
der Eck, Aleander, Stunica, so beging er eine Art von geistigem
Selbstmord, er opferte die Achtung der Urtheilsfähigen,
die Verehrung der gelehrtesten Kreise, des hoffnungsvollsten
Theils der Nation nicht bloss, sondern auch sein ganzes glänzendes
Vorleben, seinen Ruhm, die Principien seiner Forschung,
die schönsten Ideen, für die er gewirkt. Er entschloss sich,
keiner von beiden Parteien beizutreten, eine völlig singuläre
Stellung über den Parteien einzunehmen. Aber wie wenig die
idealen Strebungen der Menschen ins Reale umgesetzt, die
Reinheit des ursprünglichen Wollens wiederspiegeln, zeigt auch
die fernere Haltung des grossen Gelehrten. Concessionen nach
beiden Seiten, der Aerger über absichtliche und unabsichtliche
Indiscretion seiner Correspondenten, Klatschereien, mit denen
man seine üble Laune schärft, nervöse Gereiztheit, das Drängen
seiner Gönner und Freunde, die Heftigkeit Luther’s lenkten
Erasmus oft genug von dem ab, was er gewollt haben mochte,
was seiner einzig würdig gewesen wäre. So kommen scheinbare
Unklarheit und Widersprüche aller Art in sein Schreiben
und Handeln — die aber doch in jedem einzelnen Falle erklärlich
sind.
Die hier mitgetheilten Briefe zeigen uns Erasmus inmitten
dieser AVirrnisse, inneren Kämpfe und Verlegenheiten. Ist es
hier der interessante Gedankenaustausch mit dem der Reform
nicht abgeneigten Bischöfe Christoph von Augsburg, der Erasmus
als Ireniker zeigt, so liefern die Briefe Georgs von Sachsen
und die des Johann Choler klare Beweise, wie man im strengconservativen
Lager bestrebt war, die gewaltige Autorität als
Waffe zum Kampfe gegen Luther und seine Anhänger zu
Sitzungsber. d. phil.-hist. CI. XC. Bd. III. Hft. 26