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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Erasmiana.  I.

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Gedanken  erkläre,  deren  Berechtigung  er  nicht  bloss  anerkannt,
sondern  auch  selbst  in  den  Jahren  seines  sich  erhebenden  Ruhmes
ausgesprochen.  Es  konnte  nicht  erwartet  werden,  dass  er  die
Männer  angreife,  die  zu  ihm  als  dem  ,Unicum  decus  Germaniae‘
  bewundernd  emporblickten,  die  seine  Mitkämpfer  im
Streite  gegen  die  Scholastik  und  die  Dunkelmänner,  die  sein
begeistertes  Publicum,  seine  hingehendsten  Schüler  gewesen!
Hätte  er  sich  dem  ihm  gewiss  nicht  sympathischen  Luther
unbedingt  angeschlossen,  so  musste  er  seine  Individualität,
seine  Art  zu  sein,  und  die  gewohnten  liebgewordenen  Verhältnisse ­
  und  Beziehungen  zum  Opfer  bringen;  trat  er  an  die  Seite
der  Eck,  Aleander,  Stunica,  so  beging  er  eine  Art  von  geistigem ­
  Selbstmord,  er  opferte  die  Achtung  der  Urtheilsfähigen,
die  Verehrung  der  gelehrtesten  Kreise,  des  hoffnungsvollsten
Theils  der  Nation  nicht  bloss,  sondern  auch  sein  ganzes  glänzendes ­
  Vorleben,  seinen  Ruhm,  die  Principien  seiner  Forschung,
die  schönsten  Ideen,  für  die  er  gewirkt.  Er  entschloss  sich,
keiner  von  beiden  Parteien  beizutreten,  eine  völlig  singuläre
Stellung  über  den  Parteien  einzunehmen.  Aber  wie  wenig  die
idealen  Strebungen  der  Menschen  ins  Reale  umgesetzt,  die
Reinheit  des  ursprünglichen  Wollens  wiederspiegeln,  zeigt  auch
die  fernere  Haltung  des  grossen  Gelehrten.  Concessionen  nach
beiden  Seiten,  der  Aerger  über  absichtliche  und  unabsichtliche
Indiscretion  seiner  Correspondenten,  Klatschereien,  mit  denen
man  seine  üble  Laune  schärft,  nervöse  Gereiztheit,  das  Drängen
seiner  Gönner  und  Freunde,  die  Heftigkeit  Luther’s  lenkten
Erasmus  oft  genug  von  dem  ab,  was  er  gewollt  haben  mochte,
was  seiner  einzig  würdig  gewesen  wäre.  So  kommen  scheinbare
Unklarheit  und  Widersprüche  aller  Art  in  sein  Schreiben
und  Handeln  —  die  aber  doch  in  jedem  einzelnen  Falle  erklärlich ­
  sind.
Die  hier  mitgetheilten  Briefe  zeigen  uns  Erasmus  inmitten
dieser  AVirrnisse,  inneren  Kämpfe  und  Verlegenheiten.  Ist  es
hier  der  interessante  Gedankenaustausch  mit  dem  der  Reform
nicht  abgeneigten  Bischöfe  Christoph  von  Augsburg,  der  Erasmus ­
  als  Ireniker  zeigt,  so  liefern  die  Briefe  Georgs  von  Sachsen
und  die  des  Johann  Choler  klare  Beweise,  wie  man  im  strengconservativen
  Lager  bestrebt  war,  die  gewaltige  Autorität  als
Waffe  zum  Kampfe  gegen  Luther  und  seine  Anhänger  zu
Sitzungsber.  d.  phil.-hist.  CI.  XC.  Bd.  III.  Hft.  26
            
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