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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

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der  katholischen  Kirche  geführt  —  er  ist,  wie  Ranke  so
treffend  bemerkt,  der  erste  moderne  Oppositionsschriftsteller!
Und  diesem  Manne  mit  dem  spöttischen  Lächeln  auf  den
Lippen,  dem  rationalistischen  Philologen  kamen  gewiss  manche
Stunden,  in  denen  er  die  tiefe  Kluft  zwischen  seiner  Auffassung ­
  und  den  Urtlieilen  seiner  hohen  kirchlichen  Gönner
wahrnahm.  Aber  noch  ersichtlicher  war  ihm  doch  bei  aller
geistigen  Gemeinschaft,  hei  aller  Gleichartigkeit  der  Grundanschauungen ­
  mit  den  Reformatoren,  dass  er  auf  ihrem  Wege
öffentlich  nicht  mitschreiten  könne,  ohne  nicht  argen  Stössen
und  Kämpfen  ausgesetzt  zu  werden.  Man  vergesse  doch  nicht:
Erasmus  war  zur  Zeit  des  beginnenden  Geisteskampfes  kein
junger  Mann  mehr,  er  zählte  schon  über  fünfzig  Jahre,  das
ist  nicht  mehr  die  Zeit,  in  der  man  Kämpfe  um  Sein  und
Nichtsein  unternimmt,  in  der  man  den  ganzen  Erfolg  eines
mühevollen,  arbeitsreichen  Lebens  auf  eine  Karte  setzt!  Am
wenigsten  ein  Gelehrter,  der  liebe  Gewohnheiten,  freundschaftliche ­
  Beziehungen,  ja  die  gesammte  Grundlage  seiner  wirthschaftlichen
  und  socialen  Stellung  hätte  aufgeben  müssen,  um
schliesslich  in  seiner  vermittelnden  Thätigkeit  von  den  Vorwärtsstürmenden ­
  beargwöhnt,  ja  zurückgestossen  zu  werden!
Dazu  kamen  Luther’s  so  sehr  populärer  aber  Erasmus  um  so
weniger  zusagender,  derber  und  kräftiger  Ton,  die  Heftigkeit  und
Zuversichtlichkeit  seiner  Aussprüche,  die  Uebertreibungen  seiner
Freunde  und  Schüler.  Es  ist  nicht  zu  läugnen,  dass  der  Vater
des  deutschen  Humanismus  dem  Vater  der  deutschen  Reformation ­
  anfänglich  sehr  günstig  gesinnt  war,  dass  aber  nach
und  nach  eine  immer  grössere  Besorgniss  in  der  Seele  des
Ersteren  platzgriff,  die  völlige  Lostrennung  von  der  gewohnten
Ordnung  würde  nicht  bloss  ,Scandale‘,  sondern  sogar  eine
völlige  ,Tragödie'  herbeiführen,  die  den  Untergang  der  von
Erasmus  selbst  so  herrlich  gepflegten  aber  kaum  erst  begonnenen ­
  Studien  nach  sich  ziehen  müsste.  Und  wie  sehr
schienen  die  Gräuel  des  Bauernkrieges,  der  Münzerschen  und
der  Wiedertäufer-Unruhen  diesen  schlimmen  Ahnungen  Recht
zu  geben!  Waren  so  einerseits  Gründe  genug  vorhanden,  um
den  Gelehrten  von  dem  offenen  Anschlüsse  an  die  Reformation
zurückzuhalten,  so  konnte  andererseits  auch  nicht  erwartet
werden,  dass  er  sich  entschieden  und  öffentlich  gegen  die
            
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