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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 90. Band, (Jahrgang 1878)

Enismiana.  I.

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den  lautesten  Wortführern  desselben  so  oft  überlegene  Natur
kann  (len  Parteien  nicht  gefallen.  Ein  solcher  Mann  ist
kein  einfaches  Rechenexempel,  er  geht  nicht  auf  in  dem  engen
Glaubensbekenntnis,  in  der  Phraseologie  einer  wenn  auch
noch  so  grossen  Partei.  Dass  man  ihn,  den  ruhigen,  jeder
Ueberstürzung  abgeneigten  Gelehrten,  auf  lutherischer  Seite
tadelte,  weil  er  eben  keine  Hutten-  oder  Luther-Natur  sein
konnte,  dass  man  ihn  endlich  hasste,  weil  er  stets  wieder
aufs  bitterste  die  sehnsüchtigen  Hoffnungen  der  Wittenberger
täuschte,  ist  ebenso  begreiflich,  als  dass  reformfreundliche
Katholiken  ihn  als  den  Ihrigen  betrachteten,  während  die  Eck,
Aleander,  Bedda,  Sutor,  und  Consorten  ihn  —  freilich  mit
mehr  Recht  —  als  den  Vater  der  Ketzerei  ansrnffen  und  gefahndeten.
  Das  ist  Alles  so  natürlich,  als  das  Schwanken  des
Werthurtheils  der  Zeitgenossen  über  Erasmus’  religiöse  oder
kirchliche  Ansichten,  die  Ueberzeugung  derselben,  dass  Erasmus ­
  nicht  gleich  geblieben,  völlig  inconsequent  sei  u.  dgl.  m.
Daran  ist  absolut  nichts  Wunderbares  oder  Erstaunliches!  Erstaunlich ­
  ist  es  dagegen,  dass  in  unserem  Jahrhunderte  bei  der
Beurtheilung  des  Erasmus  alle  jene  Erscheinungen  in  der
grossen  Literatur  über  den  gewaltigen  Geist  zu  Tage  treten.
Auch  heute  müht  man  sich  hier  ab,  in  ihm  einen  latenten
,Lutheraner'  zu  finden,  dort  rettet  man  die  Ehre  des  verkannten
,Katholiken'.  Die  grosse  Menge  der  Historiker  aber  bricht
frischweg  in  sittlicher  Entrüstung  über  den  ,schwächlichen
Charakter'  den  Stab.  Hauptsächlich  deshalb,  weil  Erasmus
eine  völlig  willkürliche  Beurtheilung  entgegengebracht,  er  vom
theologischen  Standpunkte  aus  betrachtet  wird. 1  Erasmus  —
ich  stehe  nicht  an,  dies  zu  behaupten  —  gehörte  aber  weder
dem  katholischen,  noch  dem  protestantischen  Lager  an.  Viel  zu
gelehrt  und  scharfblickend,  um  die  vorhandene  Geistlichkeit  in
allen  ihren  Mitgliedern  zu  schätzen,  viel  zu  scharfsichtig,  um
die  flagranten  Mängel  und  Missbräuche  zu  übersehen,  war  er
es  eigentlich,  der  mit  seiner  unvergleichlichen  Begabung  und
einschneidender  Satire  den  ersten  Hieb  gegen  die  Autorität

1  Sein-  stark  tritt  dieser  Standpunkt  in  der  fleissigen  und  instruetiven  Zusammenstellung ­
  Stiehart’s  Erasmus  von  Rotterdam,  Leipzig  Brockhaus
1870,  hervor.
            
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