Enismiana. I.
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den lautesten Wortführern desselben so oft überlegene Natur
kann (len Parteien nicht gefallen. Ein solcher Mann ist
kein einfaches Rechenexempel, er geht nicht auf in dem engen
Glaubensbekenntnis, in der Phraseologie einer wenn auch
noch so grossen Partei. Dass man ihn, den ruhigen, jeder
Ueberstürzung abgeneigten Gelehrten, auf lutherischer Seite
tadelte, weil er eben keine Hutten- oder Luther-Natur sein
konnte, dass man ihn endlich hasste, weil er stets wieder
aufs bitterste die sehnsüchtigen Hoffnungen der Wittenberger
täuschte, ist ebenso begreiflich, als dass reformfreundliche
Katholiken ihn als den Ihrigen betrachteten, während die Eck,
Aleander, Bedda, Sutor, und Consorten ihn — freilich mit
mehr Recht — als den Vater der Ketzerei ansrnffen und gefahndeten.
Das ist Alles so natürlich, als das Schwanken des
Werthurtheils der Zeitgenossen über Erasmus’ religiöse oder
kirchliche Ansichten, die Ueberzeugung derselben, dass Erasmus
nicht gleich geblieben, völlig inconsequent sei u. dgl. m.
Daran ist absolut nichts Wunderbares oder Erstaunliches! Erstaunlich
ist es dagegen, dass in unserem Jahrhunderte bei der
Beurtheilung des Erasmus alle jene Erscheinungen in der
grossen Literatur über den gewaltigen Geist zu Tage treten.
Auch heute müht man sich hier ab, in ihm einen latenten
,Lutheraner' zu finden, dort rettet man die Ehre des verkannten
,Katholiken'. Die grosse Menge der Historiker aber bricht
frischweg in sittlicher Entrüstung über den ,schwächlichen
Charakter' den Stab. Hauptsächlich deshalb, weil Erasmus
eine völlig willkürliche Beurtheilung entgegengebracht, er vom
theologischen Standpunkte aus betrachtet wird. 1 Erasmus —
ich stehe nicht an, dies zu behaupten — gehörte aber weder
dem katholischen, noch dem protestantischen Lager an. Viel zu
gelehrt und scharfblickend, um die vorhandene Geistlichkeit in
allen ihren Mitgliedern zu schätzen, viel zu scharfsichtig, um
die flagranten Mängel und Missbräuche zu übersehen, war er
es eigentlich, der mit seiner unvergleichlichen Begabung und
einschneidender Satire den ersten Hieb gegen die Autorität
1 Sein- stark tritt dieser Standpunkt in der fleissigen und instruetiven Zusammenstellung
Stiehart’s Erasmus von Rotterdam, Leipzig Brockhaus
1870, hervor.