Hypothese über den Ursprung des Privilegium majus von 1156. 4()9
Ich habe in früherer Zeit zum Behufe meiner geschichtlichen
Forschungen den ganzen von dem verdienstvollen Doll in er herausgegebenen
„Codex epistolaris Ottocari R. II.” genau studirt und
excerpirt, nicht eine einzige Stelle dieser wichtigen Quelle entgingmir.
Dieser talentvolle Notar Heinrich von Isernia im Neapolitanischen,
der mit widrigen Schicksalen und vielen Schwierigkeiten einen grossen
Zeitraum seines Lebens hindurch zu kämpfen hatte, der alles
Mögliche in Bewegung setzte, seine Zwecke zu erreichen, und zu
diesem Behufe nicht bloss einflussreiche Empfehlungen suchte, sondern
auch sattsam schmeichelte und intriguirte, wie man aus so manchen
Stellen seiner Briefe und Stylproben nachweisen könnte, war
ein sehr eifriger und gewandter Geschäftsmann, der vor seinen plumperen
und ungebildeten Amtsgenossen sichtbar hervorragte. — Er
wusste die Leute für sich einzunehmen, er schwang sich empor 1 ).
Dieser schlaue und, wie aus allen seinen Concepten hervorgeht,
vielseitig gebildete Italiener war ganz der Mann, in der immer
schwieriger werdenden Stellung seines Herrn Rath zu schaffen, er
hatte die Verhältnisse desselben ganz inne und wusste was Noth
that. —
Seit dem Jahre 1273 war insbesondere die Stellung Ottokar’s
gegen die geistlichen Reichsfürsten, die Bischöfe von Passau, Regensburg,
Freising, Bamberg, vorzüglich aber gegen den Erzbischof
von Salzburg, die schrofleste geworden; Ottokar wollte Herr werden
in seinem Gebiete, ausser ihm sollte keiner daselbst unabhängig sein.
Er suchte ihre Güter im Lande zu mediatisiren, diese geistlichen
Reichsfürsten waren es ja auch, die König Rudolf um Schutz und
Schirm anriefen, die ihm die kräftigste Hülfe zu Ottokar’s Sturz gewährten.
—
Es galt nun eben, dem Verfahren und den Verhältnissen König
Ottokar’s durch irgend ein Document einen Nimbus von begründetem
*) Es wäre eine interessante, in so mancher Beziehung auch wichtige Aufgabe,
die Concepte und Lucubrationen dieses Italieners, aus denen, wie ich mich
überzeugte, jedenfalls die C ultu r-undSittengeschichte nicht wenigen
Gewinn schöpfen könnte, möglichst vollständig zu sammeln und herauszugeben
; D ol 1 i n er hat, wie er seihst in seiner Einleitung bemerkt, nur die aui
König Ottokar bezüglichen Briefe mitgetheilt. Das wäre Aufgabe eines jüngeren
Forschers!