Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

Über  die  Philosophie  des  Cardinais  Cusanus.

313

ihre  letzten  Gründe  in  ihr  haben,  und  dass  alle  nur  durch  Grade,  die
zwischen  den  äussersten  Gliedern  des  Gegensatzes  liegen,  also  durch
Einschränkung  des  Schranken-,  Begrenzung  des  Grenzenlosen,  Verendlichung
  des  Unendlichen  entstehen  können.  Gott  das  schlechthin
?  Selhige,  das  Seiende,  Eine,  Unendliche,  die  Form  aller  Formen  steigt
zu  dem  Nichtselbigen,  Nichteinen,  zur  Vielheit,  die  nur  ist,  sofern
sie  an  der  Einheit  Theil  hat,  hernieder,  und  so  entsteht  die  Mehrheit
der  Formen,  deren  jede  auf  andere  Weise  Theil  an  dem  Selhigen
hat.  Die  Ordnung  und  Harmonie,  die  in  der  Vielheit  und  Mannigfaltigkeit ­
  dieser  Formen  herrscht,  deutet  übereinstimmend  daraufhin,
dass  deren  Jede  an  dem  wahren  Sein,  an  der  zu  Grunde  liegenden
Einheit  Theil  hat,  und  diese  Übereinstimmung  ist  die  Verähnlichung
des  Vielen  mit  dem  Einen.  So  ist  die  Welt  als  xoapog  als  geordnete
mannigfaltige  Darstellung  des  unerreichbar  Selhigen.  Jede  Form  ist
sich  selber  gleich  und  von  jeder  andern  verschieden;  jede  aber  stellt
auf  besondere  Weise  das  Abbild  der  höchsten  Form  dar,  und  in  ihrer
unerreichbaren  Mannigfaltigkeit  spiegelt  sich  die  Unerreichbarkeit
der  absoluten  Form.  So  verhält  sich  vergleichungsweise  Gott  als  die
unendliche  Form  zu  den  Formen  der  endlichen  Dinge,  wie  sich  das
durch  keine  Farbe  erreichbare  reine  Licht  zu  den  in  den  Farben
mitgetheilten  Lichtern  verhält.  (De  dato  patris  luminum  1.
fol.  194,  a.)
So  ist  die  Welt  das  Bild  Gottes,  in  welchem  wir  in  einem  Buche
geistig  die  Gedanken  der  Gottheit  lesen  sollen.  „Wie  das  Sein  der
Hand  ihr  wahreres  Sein  hat  in  der  Seele  als  in  der  Hand,  weil  die
Seele  das  Leben  und  die  todte  Hand  keine  Hand  mehr  ist,  und  der
ganze  Körper  das  wahrere  Sein  seiner  Glieder,  ebenso  verhält  sich
das  Universum  zu  Gott,  von  dem  Einzigen  abgesehen,  dass  Gott  nicht
die  Seele  der  Welt  ist.”  (Dial.  de  passest,  fol.  175,  b.)  Das  wahre
Sein  der  Welt  ist  daher  in  Gott,  und  nur  dann  haben  wir  das  Sein
eines  Dinges  vollkommen  begriffen,  wenn  wir  es  im  Zusammenhänge
mit  dem  höchsten  Sein,  mit  dem  Sein  der  Gottheit  begriffen  haben,
t»  Und  wie  in  der  Zahl,  welche  die  Einheit  entfaltet,  nichts  gefunden
wird  als  die  Einheit,  so  wird  in  Allem,  was  ist,  nichts  gefunden  als
das  Grösste.
Das  All  daher  dessen,  was  ist,  ist  Alles,  was  Gott  ist,  denn  es
ist  das  Abbild  Gottes,  nur  auf  eingeschränkte,  d.  i.  demWesen
Gottes  entgegengesetzte  Weise.  Was  diesem  unbedingt,  kommt
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.