Heber v vor den Casusendungen im Slawischen.
209
proprium ist, so würde die Endung' ovi den Sinn geben: einem einzelnen,
bestimmten Gotte, sie ist demnach nur, wenn von einem
Götzen die Rede ist, mit Fug zu brauchen. Fast gleichen Schritt mit
dem Dativ hält der Locativ Singular; im Nominativ, Vocativ Pluralis
tritt der Zusatz auch an unbelebte, wodurch sie aber als Einzelwesen,
Individuen gefasst und gleichsam personilicirt werden, so dass sie als
begleitende Adjectiva die Endung der belebten annehmen. Stromy
und stromove machen ganz verschiedenen Eindruck; bei Personifieationen
ist die längere Endung am Platze, man würde z. B. mit
Recht sagen: vysoci dubove mi poseptali, aber: vysoke duby dävajl
mnoho dobreho drtvt. Im Genitiv Pluralis hat -uv ohne Rücksicht auf
die Bedeutung überall Platz gegriffen.
Im Polnischen hat nicht nur im Genitiv Pluralis sondern auch
im Dativ Singularis die längere Endung sich zur herrschenden erhoben
und so ihre eigentliche Bedeutung eingebüsst. Daher kommt es, dass
die Endung ohne Zwischensatz im Dativ bei den gewöhnlichsten
Wörtern im ausschliesslichen Gebrauche ist als Abkürzung: da nun
Verwandtschaftsbezeichnungen und andere Benennungen von Personen
unter die am häufigsten gebrauchten Wörter der Umgangssprache
gehören, so ist es gekommen, dass diese völlig im Gegensätze zu
den mehr am Älteren haftenden Dialekten die kürzere Endung haben.
Im Plural dagegen hat sich die längere Form bei den Personen, Geschlechter,
Stände etc. bezeichnenden Namen in ihrer ursprünglichen
Geltung erhalten, wiewohl der Usus, wie es in modernen Sprachen
der Fall zu sein pflegt, hier bestimmte Regeln festgesetzt hat.
Eine so entschieden an der in Rede stehenden Endung haftende
Bedeutung wird man weder wegläugnen können, noch geneigt sein,
sie auf eine rein phonetische Erscheinung zurückzuführen, auch abgesehen
von den oben entwickelten Gegengründen. Namentlich die
böhmische Sprache, die bei manchen starken Einbussen doch viel
Altes, echt Slawisches erhalten hat, zeigt die Bedeutung unserer Formen,
von denen sie sehr ausgedehnten Gebrauch macht, im hellsten
Lichte — vielleicht kommt dies mir nur desshalb besonders klar zur
Anschauung, weil ich mit dieser Sprache genauer vertraut bin und
sie aus dem Leben kenne.
Dadurch, dass das eingeschobene Element noch in seiner Bedeutsamkeit
empfunden wird, unterscheidet sich die slawische Declinationsweise
von der deutschen schwachen Substantivdeclination,