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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 8. Band, (Jahrgang 1852)

Zur  Charakteristik  des  heil.  Justinus  etc.

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Sprüchen  könne,  zum  Abfall  von  der  Religion  des  Staates  verlocke,  in  der
Stille  gefährlichen  Tendenzen  huldige;  die  Priester,  weil  es  ihren
Tempeln  die  Opfergaben  entzog:  die  philosophisch  Gebildeten,  weil  es
ihre  Weisheit  als  Thorheit  betrachtete;  die  ungebildete  Menge,  weil  es
den  altväterlichen  Cultus  aufgegeben  und  darum  als  die  Ursache  von
Landesnöthen  galt.  Justinus,  der  auf  Reisen  die  Leiden  der  Seinen
sah,  suchte  zu  vermitteln  so  oft  er  konnte.  So  überführte  er,  wie
er  selbst  *)  berichtet,  den  Christenfeind  Crescens,  einen  Cyniker,
als  er  mit  ihm  in  Rom  zusammentraf,  seines  unwürdigen  Benehmens.
Inmitten  der  Christen  selber  war  ein  gefährliches  Element  zu  bekämpfen ­
  :  die  häretische  Gnosis.  Diese,  aus  orientalisch-heidnischem
Geiste  hervorgegangen,  offenbarte  sich  in  verschiedenen  Formen  und
hatte  damals  eine  drohende  Macht  erreicht;  sie  richtete  sich  mehr
oder  minder  gegen  das  historische  Christenthum,  verflüchtigte  die
christlichen  Grundlehren,  fand  die  änoluTpuais  in  der  Befreiung
des  Geistes,  zersetzte  die  Kirche  in  Parteien.  Diese  christlichen
Häretiker  nahmen  die  Thätigkeit  Justin’s  ganz  besonders  in  Anspruch:
gegen  sie  trat  er  als  Polemiker  auf.  Selbst  mit  Häuptern  derselben,
wie  mit  Marcion,  kam  er  während  seines  römischen  Aufenthaltes  in
persönliche  Berührung  ~).
Doch  nicht  nur  im  mündlichen  Verkehre  wirkte  Justinus  apologetisch-polemisch ­
  für  die  christliche  Sache,  sondern  auch  durch
Schriften.  Es  richtete  an  die  Juden  bald  nach  dem  Jahre  139  den
Dialog  mit  Tryphon,  und  für  die  Heiden  waren,  von  zweifelhaften
Schriften  abgesehen,  berechnet  die  beiden  Apologien,  welche  gewiss
nicht  bloss  rhetorische  Übungsschriften  sein  sollten:  die  grössere  im
Jahre  139  an  Antoninus  Pius  und  seine  Adoptivsöhne,  die  kleinere
zwischen  den  Jahren  161  und  166  an  Marcus  Aurelius  und  seinen
Mitregenten.  Er  verfasste  endlich  ein  —  leider  verlorenes  •—  Werk
„wider  alle  Häresien,”  wovon  ein  Theil  sich  im  Besonderen  gegen
den  antijudaistischen  Gnostiker  Marcion  wendete.  Hier  ein  Wort
über  das  apologetische  Verfahren,  welches  er  einschlägt.  Im  Dialoge
mit  Tryphon  werden  zuerst  die  Vorurtheile  der  Juden  gegen  das
Christenthum  widerlegt,  dann  die  Lehren  des  letzteren  von  der
Gottheit  und  der  Menschwerdung  Jesu  Christi  sowie  der  Ver-*)

  Apol.  II.  c.  3.
2 )  Apol.  I.  cc.  26.  58.
            
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