Ueber eine Schichte älterer, im Epos nachweisbarer Nibelungenlieder.
643
Einleitung- eine Strophe zugefügt ist, die eine Gruppe von vier
schon genannten Helden enthält. Lachmann nimmt mit Recht
an, dass jede Aufzählung, die zu 4X3? w i e die zu 4, ein Fragment
von 3X4 Namen, aus einem anderen Liede stamme.
Strophe
11. Dancwart der was mar schale: dö was der neve sin
truhsaetze des leimiges, von Metzen Ortwin:
Sindölt der was schenke, ein üz erwelter degen;
Hünolt was kamercere; si künden grözer eren pflegen,
die übrigens Sindolt’s und Hunolt’s Wirkungskreis zu verwechseln
scheint, kann nur aus einem anderen Liede stammen,
das die ältere anominirende Reihe den neueren Hofamtern zu
Liebe aufgegeben hatte und die Recken, etwa im Munde eines
Helden oder im Anschlüsse an eine bestimmte Situation aufzählt
; demnach ist die Benennung der Hofämter wesentlich,
der Raum aber so knapp bemessen, dass denselben Inhalt etwa
in vier Kurzzeilen zu geben unmöglich wäre. Es ist daher
anzunehmen, dass diese Strophe aus einem anderen, uns verlorenen
Liede wörtlich ausgehoben ist; nach Reim, Form,
Ausdruck und Styl ist es durchaus den unseren gleichartig
und gleichzeitig. Dass auch die Strophen 4, 9, 10 einem
älteren Liede entnommen seien, wird dadurch wahrscheinlich,
dass sie die traditionelle Anordnung beobachten, für die der
Verfasser unserer Einleitung keine Pietät mehr besitzt. Aufzählung
der Helden mochte eben als Einleitung zu den verschiedensten
Liedern, wenn sie sich auch sonst auf einen
bestimmten Punct als Anfang stellen und nur ein einzelnes
Moment der Fabel behandeln, erwünscht gewesen sein. Die in
Beiden vorkommenden Wendungen: üz erwelter degen, des hoves,
der eren pflegen erhalten erhöhte Bedeutung als Formeln der
älteren Dichtung im oben (S. 638) berührten Sinne.
Auch wer an einem Dichter für das ganze Epos festhalten
zu sollen glaubt, wird, wenn nicht bei der Gruppe 4, 9, 10
doch bei Strophe 11 die Entlehnung aus einem älteren Liede
zugeben müssen, sowie, dass die Ueberlieferung, in der, abgesehen
von der Redaction, nicht zwei Handschriften übereinstimmen,
in Unordnung gerathen sei; die Geschmacklosigkeit,
Strophe 1 —12, wie sie vorliegen, einem Autor zuzuschreiben,
I