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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 89. Band, (Jahrgang 1878)

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M  u  t  h.

und  dem  exacten  Beweise  ihrer  Existenz,  und  zwar,  da  stellenweise ­
  wörtliche  Entlehnung-  stattg-efunden  hat,  in  der  gleichen
Form,  der  zweiten  Kürenbergsweise  oder  Nibelungenstrophe.
Dadurch  aber,  dass  der  Nachweis  ermöglicht  ist,  dass  Lieder
von  den  Nibelungen  in  der  Kürenbergsstrophe  üblich  waren,
ist  aber  die  Wahrscheinlichkeit  gewachsen,  dass  das  in  dergleichen ­
  Form  bestehende  Epos  desselben  Sageninhaltes  auf
Lieder  zurückzuführen  sei:  somit,  ohne  dass  wir  darauf  ausgegangen ­
  sind,  ein  neues  Argument  für  Lachmann’s  Theorie
gewonnen.
Beiläufig  wird  durch  ein  Verfahren  wie  das  der  Spielleute, ­
  die  die  alten  guten  Erzeugnisse  ihrer  Standesdichtung
zu  benützen  fortfuhren,  oder  der  Ritter,  die  sich  mit  den
Traditionen  der  Volkspoesie  behalfen,  oder  beider,  die  um  der
Glaubwürdigkeit  der  Nachricht  willen  und  aus  eingewurzelter
Scheu  vor  dem  Hergebrachten  begierig  nach  alter  Wendung,
überlieferter  Formel  griffen,  ja  haschten,  begreiflich,  wie
Mancher  an  einzelnen  Stellen  Spuren  einer  Ueberarbeitung
—  ich  erinnere  an  die  wiederholt  aufgetauchte  Behauptung
von  der  Revision  der  Reime  —  zu  finden  vermeinen  konnte;
sollten  solche  wirklich,  wenigstens  so  exact  wie  die  Benützung
älterer  Lieder,  nachweisbar  sein,  so  ist  das,  nachdem  wir  über
die  Natur  der  Vorlage  unterrichtet  sind,  keine  Schwierigkeit
mehr:  wie  Manches  wörtlich,  wird  wohl  Manches  auch  nur
dem  Sinne  nach  modernisirt,  adaptirt  in  die  Dichtung  übergegangen ­
  sein,  wenn  wir  uns  auch  hüten  müssen,  mit  modernem ­
  Massstab  zu  messen  und  uns  die  Methode  einer  Zeit  vor
Augen  zu  halten  haben,  in  der  Glaubwürdigkeit  die  erste
Forderung  ist,  welche  an  eine  poetische  Erzählung  gestellt
wird,  und  dem  entsprechend  der  Standpunct  des  Autors  gegenüber ­
  seiner  Quelle  stets  ein  bedingter  und  beschränkter  bleibt.
Auf  die  Genesis  des  Nibelungenliedes  aber  fällt  ein  neues
Streiflicht,  freilich  nur  in’s  Klare  setzend,  was  unvergleichlicher
Scharfsinn  schon  vor  Menschenaltern  erkannt  hat.  Hat  man
Lachmann  vor  fünfzig  Jahren  von  Seite  der  Gegner  (Rosenkranz) ­
  zugestanden,  dass  es  sein  unbestrittenes  Verdienst  sei,
die  Frage  um  den  Autor  des  Epos  unter  allen  Umständen
zur  völligen  Gleichgiltigkeit  gebracht  zu  haben,  so  dürfen  wir
das  heute  in  erhöhtem  Masse  behaupten.  Die  Entstehung  des
            
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