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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 89. Band, (Jahrgang 1878)

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M  u  th.

Wie  später  die  Redactionen,  hatten  sich  früher  die  einzelnen ­
  Theile  des  Epos  entwickelt;  Lachmann  hat  drei  Phasen
vorausgesetzt,  indem  er  annahm,  dass  der  zweite  Theil  eine
Sonderexistenz  geführt  und  vorher  noch  in  wesentlich  abweichender ­
  Gestalt,  Lieder  von  ähnlichem  Inhalt,  vorhanden
gewesen  sei'.  Unmittelbar  vor  diesen  letzten  Stufen  liegen  die
Liederbücher,  wie  MüllenhofF  gezeigt  hat;  aber  jeder  sammelnden ­
  Thätigkeit  läuft  auch  die  der  Interpolatoren  parallel.
Da  die  Lieder,  die  sich  auf  einen  bestimmten  Punct  der
Erzählung  stellen  und  eine  einzelne  Thatsache  behandeln  oder
eine  Begebenheit  in  ihrem  Verlaufe  oder  ihren  Folgen  darstellen ­
  oder  endlich  nur  den  Zusammenhang  zwischen  auseinanderliegenden ­
  Situationen  vermitteln,  nicht  von  vorneherein
zum  Zwecke  der  Sammlung  gedichtet  sind  und  ihre  Vereinigung
zu  einem  pragmatischen  Ganzen  befriedigte,  wenn,  wie  es
geschah,  ein  leidlich  vollständiger  und  leidlich  klarer  Gang
der  Erzählung  hergestellt  war,  ist  anzunehmen,  dass  neben
ihnen  noch  andere  existirten:  oder  wer  die  Einheit  des  Epos
behauptet  muss  doch  zugeben,  dass  die  Sage  im  Munde  des
Volkes  in  Liedern  lebte,  wie  er  weiters  nicht  wird  läugnen
können,  dass  das  VIII.  und  XIV.  Lied,  jedes  in  seiner  Art,
so  bestimmt  von  ihrer  Umgebung  abgegrenzt,  so  ganz  verschiedenen ­
  Stiles  sind,  dass  sie  einem  Autor  mit  dem  ganzen
Epos  zuzuschreiben,  für  Unkenntniss  oder  Unverstand  gelten
müsste.  Auf  jeden  Fall  muss  man  die  Existenz  von  Liedern
neben  dem  Epos  zugeben.  Nachdem  nun  die  poetische  Thätigkeit ­
  nie  gefeiert  hat,  wie  das  Sinken  der  Sage,  die  ausdrücklichen ­
  Zeugnisse  des  Marners,  des  Textes  C,  des  jüngeren
Titurels,  das  Eindringen  einzelner  jüngerer  Züge  in  die  späteren ­
  Recensionen  beweist;  da  überdies  die  Zeugnisse  für  die
Nibelungendichtung  durch  das  ganze  XII.  Jahrhundert  hinauflaufen, ­
  die  verwandten  Quellen,  Klage  und  Biterolf  voran,  obwohl ­
  sie  älter  sind  als  unser  Epos,  doch  deutliche  Beziehungen
auf  Nibelungenlieder  enthalten,  ist  die  Annahme  der  Existenz
verwandter  Lieder,  die  gleichzeitig  mit  der  Sammlung  der  Lieder
in  diese  nicht  einbezogen  wurden,  eine  logische  Notwendigkeit.
Betrachten  wir  nun  die  Lieder  unserer  Sammlung  nach  Form
und  Inhalt,  so  finden  wir  wesentliche  Unterschiede,  eine  Abstufung ­
  im  Sinne  des  fortschreitenden  höfischen  Geschmacks;
            
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