Untersuchungen und Mittheilungen zur Quellenkunde des canonischen Rechtes. 629
auch die wörtliche Uebereinstimmung der vorhin citirten
Rubriken; zieht man fernere in Betracht, wie bei den Rubriken
XXIV, LVII, LIX und LXIV gerade das erste der darin
enthaltenen Capitel bei Anselin die gleiche Rubrik hat, so
drängt sich die Vermuthung auf, dass die Rubriken zu diesen
Capiteln aus der Sammlung von Montecassino herüber genommen
sind. Auch ist zu erwägen, dass ich nur jene Capitel aus
Anselm im Verzeichnisse hervorgehoben habe, die auch in
keiner der Ivo’schen Sammlungen Vorkommen. Es gibt nun
aber einige, wie die Capitel 58 bis 61, die so nur noch bei
Ivo 1 Vorkommen; da aber dieser später schrieb als Anselm, so
führen auch diese Capitel Anselms auf unsere kleine Sammlung
zurück. Endlich ist in der Rubrik III De privilegiorum
auctoritate die Reihenfolge der fünfzehn Capitel in beiden
Sammlungen ganz die gleiche. — Demnach stehe ich nicht
an, die Sammlung von Montecassino als Quelle der Sammlung
Anselms und derjenigen ihr verwandten Sammlungen
zu erklären, die man unter der Gregorianischen Gruppe zusammenfasst.
2
Untersuchen wir nun das Verhältniss derselben zu den
voraufgehenden Sammlungen, so fällt sogleich in die Augen,
dass die weitaus überwiegende Mehrzahl der Capitel der
Sammlung Ps.-Isidor’s angehört; was sonst noch vorkommt,
entfällt grösstentheils auf Excerpte aus Schreiben Gregors I.;
denn ausser einigen Capiteln (13 bis 17) aus einem angeblichen
Schreiben Gregors IV., einigen Stellen aus den Schriften des h.
Cyprian (18 bis 20, 207, 208, 220) und etlichen römischen Leges
(33 bis 38) sind es nur noch vereinzelte Capitel, die sich aus
anderen Quellen finden. Es ist daher unsere Sammlung als ein
systematisches Compendium aus den echten und unechten Decretalen
Ps.-Isidors zu bezeichnen; von Concilien finden sich ausser
römischen Synoden unter P. Hilarus, Symmachus, Gregor I.
und Gregor II. nur in c. 136 das achte Concil von Toledo, in
1 Nämlich in der Pannormie IV 63, 31, 89 und 30.
2 Es kommen, wie die in der vorigen Note angeführten Beispiele zeigen,
einige Capitel vor, die die Anselm’sche Gruppe ausschliesslich mit Ivos
Pannormie gemeinsam hat; allein die Zahl derselben ist doch so gering,
dass gerade mit Rücksicht auf unsere Sammlung auch Ivos Pannormie
eine abgesonderte Stellung einnimmt.