Mittheilungen aus altdeutschen Handschriften.
813
Häufung Schwierigkeiten macht, ist ausser sein gen und sten
überhaupt kein Infinitiv in den Reim gebracht worden. Im
Amicus-Amelius ist das anders. Auch dort stets Auftaet und vier
Hebungen, aber doch nocli klingende Reime, also acht- oder
neunsilbige Verse. Ich schloss aus diesem Verhältniss, dass das
Soliloquium später verfasst sei als der Amicus-Amelius, das
glaube ich auch jetzt noch.
Im Speculum gelten ähnliche Grundsätze. Die Silben
werden gezählt. Alle Verse haben Auftakt. 1 Weder dürfen
Senkungen fehlen, 2 noch zweisilbige Senkungen Vorkommen. 3
Versetzte Betonungen sind desshalb häufig: z. B. diemuetig.
Noch sind klingende Reime neben stumpfen vorhanden, allein
sie sind sehr in der Minderzahl und auf dem Wege stumpf
zu werden.
Im Amicus-Amelius: Stumpf reimen ä: ä vor t 15, vor
cli 12, vor n 8, vor st 1 Mal; e : e vor t 11, vor r 7 Mal;
i : t vor n 1 Mal; i auf ie vor r 2 Mal sehe ich nicht als
ungenauen Reim an. wer (— weer) : mer v. 29. d : 6 4 Mal.
au aus ü reimt auf au aus ou 1 Mal.
Um zu bestimmen, wie es mit den klingenden Reimen
steht, sind die auf e (a) -j- r zu prüfen. — — : — — aber als
stumpfer Reim geschrieben nur ein Mal: vereitert : gemert 255. —
Alfern : gern 243. — Stummes e geht verloren: gern (libenter) :
gewern 467. wem : lern (— lerne) 201. — — : enparn :
underfarn 565, geparn : ervaren 585. — — ~ warn (erant) :
varen 973. 989. 1101. gern (libenter) : eiteren 271. 521 : eren
423. 1097. Alfern : eren 71. 101. vereitert : gewert 225. verbern :
herren 97. zorn : brn 577. (wardn : Hildegarn = Hildegarden
641.) Darnach kann es, zieht man die Verschiedenheiten der
Schreibung in Betracht, zweifelhaft sein, ob hier ~ gelängt
worden (beziehungsweise bei gern, Alfern, zorn Svarabhakti
zwischen r und n anzunehmen) ist, oder ob beide Classen auf
— reduciert wurden. Aber es kommen noch folgende Reime
1 Unter ungefähr achttausend Versen etwa zwanzig Ausnahmen, bei denen
nicht schon durch den Inhalt eine Aenderung geboten wäre.
2 Wo diess geschieht, ist ein Fehler anzunehmen und es bietet sich immer
durch den Zusammenhang des Satzes das ausgefallene Wort.
3 Dieselben rühren stets vom Schreiber her und sind meistens durch das
von ihm bevorzugte ge- veranlasst.