Friedrich Christoph Schlosser.
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Geschichtschreibung stets bald einen allgemeineren, bald einen
specielleren Charakter annahm und mit Recht auf eine weitere
Verallgemeinerung dringt, steht sicher nicht im Widerspruch
mit diesen Sätzen, sondern ergänzt dieselben in erwünschter
Art, denn wie der Nachweis grösserer oder geringerer Verwandtschaft
von Völkern als ein Resultat der Forschung sich
ergab, lag auch die engere und weitere Betrachtung ihrer gesellschaftlichen
und staatlichen Verhältnisse im nächsten Bereiche
der Geschichtsdarstellung. Wenn Ranke die völlige Gemeinsamkeit
der staatlichen Erscheinungen in den romanischen und
germanischen Völkern der modernen Zeiten als ein grosses
Resultat festhalten konnte, so braucht man nicht zu zweifeln,
dass die Erfahrungswissenschaft noch manche andere Beziehungen
zwischen Völkern und Staaten erkunden mag, von
welchen heute noch keine klare Einsicht vorliegt. Nur dürfen
die an gestrebten Resultate, auch wenn sie noch so sehr wahrscheinlich
scheinen würden, nicht als Princip für eine einheitliche
Auffassung verschiedener Geschichten vorausgesetzt werden,
wenn man den Weg erfahrungsmässiger Betrachtung nicht abermals
verlassen will.
Die Begrenzung der Wissenschaft in Raum und Zeit auf
das staatsgeschichtliche Gebiet menschlicher Handlungen und
Wirkungen könnte indessen kaum als ein erheblicher Gewinn
betrachtet Werden, wenn derselben nicht eine wesentliche Vertiefung
der Untersuchung in Hinsicht der Beurtheilung und
der Erforschung bestimmter Werthe der Erscheinungen zur
Seite treten würde. Sollte unsere Wissenschaft auf die Entdeckung
von Werth und Unwerth, indem sie sich als Erfahrungswissenschaft
gestaltet, ein- für allemal verzichten, so könnte es
eine grosse Frage sein, ob es nicht nützlicher gewesen wäre,
bei den philosophischen Voraussetzungen zu bleiben und den
Roman im Sinne Kant’s oder im Sinne der zweier Staaten
Ottos von Freising oder des einen Staates Augustins mit ungeschwächten
Kräften fortzusetzen. Wir sagen, es könnte
zweifelhaft werden, ob nicht der grösste Theil der Menschen
für das Danaergeschenk einer Geschichte dankte, welche die
Illusion zerstört hat, um nichts zu wissen, als von Stössen,
Drangsalen und pergamentner Lüge, womit sich unsere Vordem
so gut wie wir gequält.