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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedrich  Christoph  Schlosser.

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Geschichtschreibung  stets  bald  einen  allgemeineren,  bald  einen
specielleren  Charakter  annahm  und  mit  Recht  auf  eine  weitere
Verallgemeinerung  dringt,  steht  sicher  nicht  im  Widerspruch
mit  diesen  Sätzen,  sondern  ergänzt  dieselben  in  erwünschter
Art,  denn  wie  der  Nachweis  grösserer  oder  geringerer  Verwandtschaft ­
  von  Völkern  als  ein  Resultat  der  Forschung  sich
ergab,  lag  auch  die  engere  und  weitere  Betrachtung  ihrer  gesellschaftlichen ­
  und  staatlichen  Verhältnisse  im  nächsten  Bereiche
der  Geschichtsdarstellung.  Wenn  Ranke  die  völlige  Gemeinsamkeit ­
  der  staatlichen  Erscheinungen  in  den  romanischen  und
germanischen  Völkern  der  modernen  Zeiten  als  ein  grosses
Resultat  festhalten  konnte,  so  braucht  man  nicht  zu  zweifeln,
dass  die  Erfahrungswissenschaft  noch  manche  andere  Beziehungen ­
  zwischen  Völkern  und  Staaten  erkunden  mag,  von
welchen  heute  noch  keine  klare  Einsicht  vorliegt.  Nur  dürfen
die  an  gestrebten  Resultate,  auch  wenn  sie  noch  so  sehr  wahrscheinlich ­
  scheinen  würden,  nicht  als  Princip  für  eine  einheitliche ­
  Auffassung  verschiedener  Geschichten  vorausgesetzt  werden,
wenn  man  den  Weg  erfahrungsmässiger  Betrachtung  nicht  abermals ­
  verlassen  will.
Die  Begrenzung  der  Wissenschaft  in  Raum  und  Zeit  auf
das  staatsgeschichtliche  Gebiet  menschlicher  Handlungen  und
Wirkungen  könnte  indessen  kaum  als  ein  erheblicher  Gewinn
betrachtet  Werden,  wenn  derselben  nicht  eine  wesentliche  Vertiefung ­
  der  Untersuchung  in  Hinsicht  der  Beurtheilung  und
der  Erforschung  bestimmter  Werthe  der  Erscheinungen  zur
Seite  treten  würde.  Sollte  unsere  Wissenschaft  auf  die  Entdeckung ­
  von  Werth  und  Unwerth,  indem  sie  sich  als  Erfahrungswissenschaft ­
  gestaltet,  ein-  für  allemal  verzichten,  so  könnte  es
eine  grosse  Frage  sein,  ob  es  nicht  nützlicher  gewesen  wäre,
bei  den  philosophischen  Voraussetzungen  zu  bleiben  und  den
Roman  im  Sinne  Kant’s  oder  im  Sinne  der  zweier  Staaten
Ottos  von  Freising  oder  des  einen  Staates  Augustins  mit  ungeschwächten
  Kräften  fortzusetzen.  Wir  sagen,  es  könnte
zweifelhaft  werden,  ob  nicht  der  grösste  Theil  der  Menschen
für  das  Danaergeschenk  einer  Geschichte  dankte,  welche  die
Illusion  zerstört  hat,  um  nichts  zu  wissen,  als  von  Stössen,
Drangsalen  und  pergamentner  Lüge,  womit  sich  unsere  Vordem
so  gut  wie  wir  gequält.
            
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