Friedrich Christoph Schlosser.
205
Sicherlich bedurfte Buckle’s Behauptung einer starken
Correctur, allein niemand fiel es ein, den eigentlichen und
wahrhaften Meister der sittlichen Werthbeurtheilung den alten
Schlosser gegen ihn ins Treffen zu führen; es wäre doch zu
deutlich gewesen, dass sein Standpunkt nur von den allerwenigsten
Gelehrten heute mehr getheilt werden kann. Wenn
aber keiner die ethischen Maasse ganz entbehren will, 1 von
das Beste und Treffendste mit wenigen Worten gegen dasselbe eingewendet
hat: ,Damit ist ein Grundfehler von Buckle berührt, der, wie in seiner Anschauung,
so in seiner Forschung begründet ist Es ist ein oft begangener
Fehler, seine Ansicht steht fest, bevor er die Untersuchung beginnt, so dass
seine Forschung sich darauf beschränkt, Material für die Bestätigung einer
Ansicht zu gewinnen, die sich bei ihm aus Lebensanschauungen und
Studien auf zum Theil weit entlegenen Gebieten gebildet hat 1 . Ob nun
aber der positive Theil der Usinger’sehen Erörterungen genügen könnte,
soll hier nicht untersucht werden, da es uns nicht auf die dort erörterten
Fragen ankommt.
1 Es ist ja Vieles und Vortreffliches über die mannigfaltigsten Punkte der
Historik geschrieben worden. Gewiss liest Niemand ohne die dankbarste
Belehrung Giesebrecht’s Charakteristik der heutigen Geschichtschreibung,
hist. Zeitschr. I. 1'. Ebenso sind die beiden Vorträge von Sybel’s (Vorträge
und Aufsätze, Berlin 1874) Ueber die Gesetze des historischen
Wissens und Drei Bonner Historiker für die Principienfragen von allergrösster
Relevanz. Doch ist es merkwürdig, dass in allen diesen trefflichen
Abhandlungen gewisse Begriffe vorausgesetzt werden, welche eben
erst erläutert werden sollten. So spricht Giesebreeht fortwährend von
der Geschichtswissenschaft, als ob das Gebiet derselben gar nicht fraglich
wäre. Hat man sich nicht vielmehr die Frage zu beantworten:
Was ist denn Geschichte? es kann doch nicht gemeint sein, dass Geschichte
die Darstellung von allem Geschehenen ist, und wenn sie
nur Darstellung von einigem ist, was geschah, woran erkennt man denn,
wo ihr Forschungsgebiet anfängt und aufhört. Ebenso können auch die
angeführten schönen Essays von Sybel’s nicht ohne die geheime Voraussetzung
bestehen, dass über gewisse Begriffe eine Einigung vorhanden
sei, welche aber in Wahrheit fehlt. Dies zeigt sich insbesondere in dem,
was von Sybel aus Anlass Niebuhr's sagt. Wo er mit trefflichen Worten
Niebuhr’s sittliche Energie loht, heisst es etwas allgemeiner schon früher:
Die Quellenkritik, gerade wenn sie gewissenhaft und methodisch
ge handhabt wird, kann ihrer Natur nach nur den Bestand
der einzelnen Thatsache ermitteln: dann erst erscheint
aber die eigentliche Aufgabe des Historikers, aus
dem äusseren Bestände auf den inneren Gehalt dieser Facta
zu schliessen, ihren geistigen Zusammenhang festzustellen
und so zu ihrer sittlichen Würdigung zu gelangen 1 . Goldene