Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedrich  Christoph  Schlosser.

203

hindurchgetrieben  worden,  welche  mehr  Entmuthigung,  Enttäuschung ­
  und  Gleichgiltigkeit  als  wirkliche  Resultate  zurückgelassen
  hatten. 1  Die  Frage  der  Werthbourtheilung  wurde  zwar
von  keinem  bedeutenderen  Geschichtschreiber  bei  Ausübung
seines  historischen  Berufes  umgangen,  aber  zu  einer  klaren
Lösung  des  Begriffes  und  der  Aufgabe  der  Geschichtschreibung
ist  es  in  dieser  Beziehung  auch  heute  durchaus  nicht  gekommen.
Blicken  wir  ohne  auf  die  Stadien  der  historiographischen  Entwickelung ­
  Rücksicht  zu  nehmen,  nur  auf  das  was  heute  der
Geschichtschreiber  gewöhnlich  über  die  Werthbeurtheilung  zu
denken  pflegt,  so  schallt  von  allen  Seiten  der  Ruf  nach  Sittlichkeit ­
  sofort  entgegen.  Eine  gewisse  Hochachtung  sogenannter
sittlicher  Grundsätze  wird  gewöhnlich  als  ein  Hauptmoment  der
Geschichtschreibung  verlangt.  Soweit  sich  neuere  Geschichtsforscher ­
  über  Principienfragen  ausgesprochen  haben,  —  es  geschah ­
  aber  selten  —  ermangelten  sie  fast  nie  an  die  Grundsätze
der  Sittlichkeit  zu  appelliren.  Man  wird  sich  vielleicht  erinnern,
dass  der  jetzt  längst  verstummte  Streit  gegen  Buckle  von
deutschen  Historikern  hauptsächlich  im  Namen  des  Sittengesetzes ­
  geführt  worden  ist. 2  Freilich  von  was  für  einer
1  Als  Hegel’s  Philosophie  der  Geschichte  erschienen  war,  wunderte  sich
Alexander  von  Humboldt,  dass  der  Philosoph  ,fabelt“,  das  europäische
Rindfleisch  sei  besser  als  das  amerikanische,  an  Varnhägen  1.  Juli  1837.
Um  Weniges  später  wollte  kein  Historiker  mehr  davon  wissen,  dass  die
Völker,  ein  jedes  etwas  repräsentiren  müssen,  ,damit  erfüllet  werde“,  ,was
der  Philosoph  verheisst“,  wie  auch  Alexander  von  Humboldt  gleich  anfänglich ­
  bemerkte.  Ob  man  von  diesen  Erscheinungen  die  volle  Loslösung ­
  der  Geschichtswissenschaft  von  der  Speeulation  datiren  will,  muss
dem  Geschichtschreiber  der  Historiographie  zu  entscheiden  überlassen
bleiben.  Darin  werden  alle  einverstanden  sein,  dass  die  letzte  Phase  unserer
historiographischen  Entwickelung  mit  der  allgemeinen  Ueberzeugung  beginnt, ­
  dass  die  Geschichtsforschung  auf  sich  selbst  gestellt,  in  eigener  und
eigenständiger  Methode  ihre  wissenschaftlichen  Aufgaben  fasst  und  löst.
Darüber  ist,  so  viel  wir  sehen,  kein  Streit,  welches  aber  sind  die  Aufgaben?
2  Es  ist  nicht  entfernt  unsere  Absicht,  in  die  Prüfung  der  Ansichten  des
wunderlichsten  Geschichtsphilosophen  Englands  einzutreten,  der  das  Verdienst ­
  hatte,  die  Historiker  Deutschlands  einigermassen  aufgerüttelt  zu
haben.  Wir  erwähnen  ihn  hier  nur  insofern,  als  Droysen  in  dem  Protest
gegen  dessen  Ansichten  (historische  Zeitschrift  IX.  1—22,  allerdings  etwas
kurz  geschürzt)  die  Bedeutung  des  sittlichen  Verständnisses  (?)  der  Geschichte ­
  sehr  entschieden  betonte.  Leider  sprach  sich  aber  Droysen  über
das,  was  Ethik  sei,  nicht  aus,  und  wir  gestehen  unsererseits,  es  durchaus
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.