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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

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Lorenz.

Maasstäbe,  die  man  etwa  canonisiren  muss,  weil  wir  einsehen,
dass  eine  Geschichtschreibung-  ohne  Maasstäbe  überhaupt
besser  dem  Strom  der  Vergessenheit,  angehörte?

Y.

Indem  wir  uns  dem  Ende  unserer  Erörterungen  nähern,
möge  es  gestattet  sein,  die  Entwickelung  ins  Auge  zu  fassen,
welche  die  Geschichtschreibung  überhaupt  genommen.  Als
Schlosser  sein  Werk  beendigte,  fand  er  sich  bekanntlich  wie
in  einer  fremden  Welt;  der  Beifall,  der  ihm  sonst  allgemeiner
entgegenkam,  hatte  sich  zum  Theil  anderen  Richtungen  zugewendet; ­
  er  selbst  legte,  mit  harten  Worten  über  seine  Zeit
seinen  historischen  Griffel  nieder:  ,Diese  ganze  Zeit  und  ihre
Bildung  ist  in  den  letzten  Jahren  von  uns  abgewichen  und
wir  von  ihr,  so  dass  wir  gewissermassen  aufgehört  haben  Zeitgenossen ­
  der  Begebenheiten  zu  sein,  die  rund  um  uns  vorgehenh
Er  hatte  die  richtige  Empfindung,  dass  eine  Welt  lebte,  welche
seine  Maasstäbe  nicht  mehr  als  die  ihrigen  annahm.  1  Der
Kant’sche  Rigorismus  hatte  sich  auch  in  der  Geschichtschreibung
längst  vollständig  überlebt.  Nur  achselzuckend  vermochten  die
jüngeren  Historiker  eine  moralische  Schulmeisterei  zu  erblicken,
welche  den  grossen  Apparat  der  Geschichtswissenschaft  in  Anspruch ­
  nahm,  um  das  zu  lehren,  was  man  über  Politik  und
Staatswesen  aus  dem  Vernunft-  und  Naturrecht  kürzer  und  einfacher ­
  erfahren  konnte.  Was  die  Ideen  der  Geschichte  betraf,
so  war  man  durch  eine  Reihe  von  Systemen  und  Philosophien

1  Wozu  noch  zu  bemerken  ist,  dass  er  gleichsam  selbst  das  Eingeständniss
machte,  er  habe  Geschichte  zu  dem  Zwecke  geschrieben,  um  ein  verdorbenes
Geschlecht  zu  ermahnen  und  dadurch  zu  verbessern!  ,Wir  überlassen  übrigens ­
  in  unserem  vierundachtzigsten  Jahre  die  Kritik  unserer  Zeit  und  unserer ­
  Zeitgenossen  anderen  Beurtheilern,  weil  wir  eingestehen,  dass  wir  der
Aufgabe,  ein  auf  verschiedenen  Seiten  und  nach  verschiedenen  Richtungen
verdorbenes  Geschlecht  zu  ermahnen  und  dadurch  zu  verbessern,  nicht
gewachsen  sind“.  Heute  wird  es  viele  junge  Historiker  geben,  die  gar
nicht  begreifen,  was  der  alte  Mann  mit  diesem  Worte  in  einem  Geschichtsbuche ­
  sagen  wollte:  So  sehr  ist  uns  die  Frage  Scbiller’s,  wozu  man  Geschichte ­
  studiere,  durch  deren  Beantwortung  er  ein  ganzes  Menscheualter
hingerissen  hat,  völlig  abhanden  gekommen.
            
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