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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

200

Lorenz.

im  innigsten  Zusammenhänge,  dass  der  Schriftsteller  selbst  keine
rechte  Empfindung  davon  erlangt,  wenn  er  dem  objectiven
Gehalt  eines  Ereignisses  in  der  Erzählung  nicht  genug  gethan
und  das  eigene  Urtheil  nicht  an  der  Stelle  angebracht  hat,  wo
es  wirkungsvoller  und  doch  weniger  störend  wäre.  Wer  die
historiographischen  Geheimnisse  einigermassen  belauscht  hat,
der  wird  wissen,  dass  jemand,  welcher  die  Kunst  plastischer
Darstellung  besitzt,  oft  nur  eine  ganz  unscheinbare  kleine
Lichtöffnung  bedarf,  um  eine  ganze  Situation  in  die  grellste
Beleuchtung  des  historischen  Urtheils  zu  setzen,  und  während
manche  geneigt  sein  werden,  in  diesen  Dingen  die  Merkmale
der  sogenannten  objectiven  Geschichtschreibung  zu  sehen,  sind
es  nichts  als  Wirkungen  eines  plastisch  angelegten  Kopfes,
welche  sich  im  Stil  wie  in  der  Darstcllungsweise  äussern.  Es
wäre  leicht  die  Namen  unter  den  alten  und  neuen  Geschichtschreibern ­
  zusammenzustellen,  welche  in  hervorragendem  Maasse
die  von  Laube  so  trefflich  geschilderten  Eigenschaften  des
Geistes  besitzen,  durch  welche  in  der  That  eine  gewisse  Verwandtschaft ­
  zwischen  einem  Theaterdirector  und  einem  Geschichtschreiber ­
  bestehen  muss.
Wenn  nun  aber  trotz  der  ungünstigen  Verhältnisse,  unter
welchen  alle  Werthbeurtheilung  der  Dinge  in  der  Schlosserschen
  Geschichtschreibung  erscheint,  getrübt  durch  Mängel,
welche  wir  hauptsächlich  auf  die  Darstellungskunst  und  den
Stil  beziehen  mussten,  der  Eindruck  des  Werkes  doch  ein  gewaltiger ­
  war  und  im  Ganzen  und  Grossen  auch  heute  noch
sein  wird,  so  muss  man  zu  der  Einsicht  gelangen,  dass  gerade
dieser  feste  markige  Standpunkt,  der  so  vielfach  von  der  Kritik
verlästert  worden  ist,  seine  Wirkung  macht.  Das,  was  Schlosser
das  ,Dantische  Element'  seiner  Geschichtschreibung  genannt
wissen  wollte,  ist  es,  was  das  Wohlgefallen  an  seinen  Büchern
hervorrief;  dass  er  mit  unerbittlicher  Consequenz  über  den
Häuptern  der  Mächtigen,  wie  der  Schwachen  die  Zuchtruthe  des
Rechts  und  des  unveräusserlichen  Sittengebots  zu  schwingen
verstand,  trug  ihm  die  Bewunderung  seiner  Leser  ein.  Man
täusche  sich  nicht  darüber,  es  gewährte  eine  trostvolle  Genugthuung
  zu  sehen,  wie  auch  der  Geschichtschreiber  die
Pfade  der  Unterwelt  zu  betreten  wagte,  in  die  Plölle  verstioss,
  und  ohne  Sorge  um  Gunst  oder  Ungunst  Könige  und
            
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