Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedrich  Christoph  Schlosser.

189

zu  beschreiben  vermag,  und  dass  hierin  zugleich  das  Merkmal
und  die  Beschaffenheit  dos  wahrhaft  historischen  Geistes  zu
erblicken  sei,  wird  wohl  von  niemand  geläugnet  werden  können;
aber  ebenso  sicher  ist  es,  dass  in  dieser  höchsten  und  erforderlichsten ­
  Eigenschaft  des  Historikers  zugleich  die  häufigste  Gefahr
seiner  Irrthümer  liegt.  Denn  wenn  auch  die  Lebendigkeit  und
Stärke  der  Reproduction  des  Geschehenen  in  dem  Geiste  des
Historikers  von  der  Antheilnahme  unzertrennlich  ist,  so  gibt
es  doch  eine  scharfgezogene  Grenze  für  die  letztere,  welche  in
der  subjectiven  Operation  einer  Erzählung  und  Darstellung  nur
durch  die  äusserste  Selbstbeobachtung,  Beschränkung  und  Entsagung ­
  erreichbar  ist.  Das  gewonnene  Resultat  der  lebendigen
Anschauung  der  Vergangenheit,  welches  nur  durch  Mitempfindung
möglich  ward,  kann  erst  dadurch  wieder  rein  zur  Darstellung
gelangen,  dass  man  sich  des  eigenen  Antheils  so  viel  wie  möglich
wieder  entschlägt.  Aber  diese  letzte  Anstrengung  ist  oft  den
begabtesten  und  stärksten  Geistern  am  schwierigsten  erreichbar
gewesen,  während  andere  Talente  sich  darin  stark  erweisen,
dass  sie  die  Fähigkeit  der  grösstmöglichen  Selbstentäusserung
in  vorzüglichem  Grade  im  letzten  Stadium  der  historischen
Reproduction  besitzen.  Wir  wollen  diesen  inneren  Vorgängen
der  Geschichtsdarstellung  nicht  weiter  nachgehen  und  nicht  im
Einzelnen  ausmalen,  wie  sich  die  eigenthümlichen  Begabungen
der  grössten  Meister  eben  in  der  stärkeren  oder  geringeren
Kraftanwendung  ihres  Geistes  während  der  einzelnen  Stadien
ihrer  langen  innerlichen  Arbeit  bei  der  Reproduction  des  Geschehenen ­
  zeigen;  nur  in  Bezug  auf  jene,  welche  gerade  den
letzterwähnten  Vorzug  in  hohem  Maasse  besitzen,  möchte  noch
bemerkt  werden,  dass  derselbe  selbst  mit  den  Eigenthümlichkeiten
  des  Stils  aufs  innigste  verwandt  ist,  und  ohne  Zweifel
mit  einem  besonders  ausgeprägten  Vermögen  plastischer  Gestaltung ­
  zusammen  hängt,  von  welchem  später  noch  gesprochen
werden  soll.
Die  Ungleichheit,  welche  zwischen  den  Historikern  und
ihren  Fähigkeiten  im  Einzelnen  besteht,  findet  sich  aus  den
erwähnten  Gründen  auch  zwischen  den  historiographischen
Perioden  im  Grossen.  Der  Mensch  des  18.  Jahrhunderts,  eine
in  ihrer  Totalität  überhaupt  noch  kaum  gewürdigte  Erscheinung,
bietet  der  Geschichtsforschung  die  mannigfachsten  Räthsel  und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.