Friedrich Christoph Schlosser.
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erscheint uns als das nichtigste und unwesentlichste Moment
der ganzen Frage und trifft in keinem Punkte auch nur entfernt
die Tiefe dieser Gegensätze und das Geheimniss der Geschichtschreibung.
An der Oberfläche rathlos herumirrend, unterschätzt
diese Charakteristik die grosse Kluft zwischen zwei Felsen, und
vermag das Wesen der Schlosser’sehen Leistungen ebensowenig
zu enthüllen als den gewaltigen Fortschritt zu bezeichnen, welchen
die Historiographie in dem zwischen Ranke und Schlosser liegenden
Menschenalter gemacht hatte. Was in Wahrheit den
grössten Unterschied zwischen diesen Geschichtschreibern begründet,
liegt weder in dem formalen Princip der Darstellung,
noch in der Stellung der Aufgabe als solcher, noch in den
höchsten Zielen der Wissenschaft, sondern in der Art und
Weise der Lösung jenes Problems, welches man als die Werthbeurtheilung
in der Geschichte zu bezeichnen hat. Dass von
dieser Werthbeurtheilung der Dinge als einer Errungenschaft
der neueren Geschichtschreibung gegenüber der mittelalterlichen
überhaupt nicht mehr abgesehen werden darf, muss man als
ein Axiom betrachten, welchem sich längst kein Schriftsteller
mehr entziehen konnte. Dasselbe liegt in der allgemeinen literarischen
und philosophischen Entwickelung, wie schon früher
bemerkt wurde, zu tief begründet, als dass jemand überhaupt
historiographische Beachtung Anden könnte, der principiell
gegen jede Beurtheilung des Werthes der historischen Dinge
sich erklärte. 1 Aber freilich fängt die Schwierigkeit für alle
gleichmässig eben da an, wo man im Princip einig ist,
dass es in der Geschichte einen Werth der einzelnen Dinge
geben, und dass dieser zur Erkenntniss gebracht werden muss.
Denn auf welchem Wege der Geschichtsforscher zum Maassstabe
dieses Werthes gelangt, in welche]' Weise er den Werth
des Einzelnen vom Allgemeinen abhängig zeigt, welche Grenzen
dem Urtheile des Einzelnen in dieser Beziehung gesteckt sind,
aus welchen Momenten die Begründung der Werthbeurtheilung
von Erscheinungen, Personen, Handlungen — selbst von ganzen
Zeitaltern herzunehmen sein würde, dies sind Fragen von so
ausgedehnter Schwierigkeit und Ungleichheit der Lösung, dass
man es wohl begreift, wenn zwischen den bedeutendsten Geistern
1 Vgl. Anmerkung £eite 10, 1; 17, 1.