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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedrich  Christoph  Schlosser.

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geistige  Verwandtschaftsgefühl  des  Geschichtschreibers  mit  dem
alten  Dichter  nach  dem,  was  jener  selbst  darüber  äusserte,
zergliedern,  so  lag  es  wohl  darin,  dass  Dante  ein  inneres,  sittliches ­
  Bedürfniss  Schlosser’s  gleichsam  in  monumentaler  Sicherheit ­
  und  mit  unbeugsamer  Zuversicht  erfüllte,  indem  er  allem
menschlichen  Thun  gegenüber  die  Wage  des  göttlichen  Richters
gegenübersetzte.  Wenn  Schlosser  von  der  Verwendbarkeit
Dante’scher  Weltanschauung  für  die  Zwecke  der  Geschichte
spricht,  so  kann  er  dabei  nothwendig  nur  daran  gedacht  haben,
dass  die  Geschichtschreibung  jedem  menschlichen  Thun  gegenüber ­
  ebenso  unwillkürlich  Stellung  nehmen  müsse,  wie  der
Dichter  der  göttlichen  Komödie  gegenüber  seinen  poetisch-historischen ­
  Gestalten.  Und  wenn  Schlosser  noch  die  frappante  Bemerkung ­
  macht,  dass  bei  ,so  bekannten  Geschichten',  wie  denen
des  vorigen  Jahrhunderts  es  weniger  auf  die  Forschung  ,als
vielmehr  auf  die  Auswahl  und  Stellung  der  Thatsachen'  ankomme, ­
  so  zeigt  sich  auch  hierin  die  Absicht  den  beurtheilenden
Standpunkt  der  Darstellung  in  den  Vordergrund  treten  zu
lassen.  Das  Dante’sche  Weltgericht,  die  Vorführung  von  Himmel,
Hölle  und  Fegefeuer,  als  unmittelbarste  Aufgabe  der  Geschichtschreibung ­
  wollte  Schlosser  nicht  wie  einen  Act  subjectiver
Entscheidung,  sondern  als  den  Ausdruck  dessen  erscheinen
lassen,  was  lediglich  durch  die  Auswahl  und  Stellung  der  Thatsachen ­
  von  selbst  sich  bietet.  Wollte  man  das,  was  auf  diese
Weise  beabsichtigt  war,  in  ein  grosses  Wort  zusammenfassen,
so  könnte  man  sagen  Werthbeurtheilung  ist  es,  was  der  Geschichtschreiber ­
  erreichen  will.

Tugend  zur  Belohnung  hinauf.  Selbst  in  Beziehung  auf  seine
lasterhaften  Freunde,  die  er  in  die  Hölle  versetzte,  und  auf
seine  tugendhaften  Feinde,  denen  er  eine  Stelle  im  Paradiese ­
  gab,  war  er  unparteiisch.  Man  hat  ihn  mit  Recht  oft  als
den  Philosophen  unter  den  Dichtern  bezeichnet,  er  erscheint  aber  noch
in  einer  würdigeren  Rolle,  als  wahrer  und  rechtschaffener  Mann.
.  ...  Er  zeigte  sich,  um  uns  seiner  eigenen  Worte  zu  bedienen,  als
furchtloser  Freund  der  Wahrheit,  entfernte  von  sich  jegliche  Lüge  und
ahmte  dem  Winde  nach,  der  die  höchsten  Gipfel  am  heftigsten  schüttelt“.
Auch  jenen  Versen  hatte  Schlosser  eine  Art  von  divinatoriseher  Bedeutung ­
  für  sich  selbst  gegeben:  ,Verfolge  deinen  Weg  und  lasse  reden  die
Leute.  Steh  fest  wie  der  Thurm  steht,  der  niemals  beuget  die  Spitze,
wenn  ihn  umstürmen  die  Winde,“
            
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