Lore ii 7..
J 76
er gleichmässig scheute, war einerseits jede philosophische Einseitigkeit,
welche sich über die unmittelbar gegebene Erfahrung
erhebt, und andererseits die Selbstgenügsamkeit und Trockenheit
jenex - , welche in dem äusseren Gerüste das Wohnhaus erblicken.
Wie freilich Gervinus behaupten konnte, dass es sein Meister
in der Vermittlung dieser Gegensätze zu einer canonischen
Harmonie für die Geschichtschreibung gebracht hätte, ist von
einem entfernteren Platze besehen, allerdings unbegreiflich gewesen.
Ebensowenig aber hatten spätere ein Recht Schlosser
darüber Vorwürfe zu machen, dass er es bei seinem kritischen
Bestreben in der Enthüllung der Ideen nicht weiter gebracht hat.
Man 'hat sich bei dieser Gelegenheit zuweilen der Streitigkeiten
erinnert, welche Schlosser in Gegensatz zu F. A. Wolf,
Niebuhr und Otfried Müller brachten, und glaubte in der geringen
Würdigung philologischer Kritik von Seite Schlosser’s
die Ursache mancher sachlichen Irrthümer und Misserfolge der
alten Geschichte erblicken zu sollen. Wenn aber Schlosser die
Philologen überhaupt und F. A. Wolf für besonders eingebildet
hielt, so ist dies freilich kein Gegenstand, bei welchem eine exacte
Entscheidung über sachliche Fragen gewonnen werden konnte.
Da man aber nachträglich den Siegespreis in diesen Dingen
mit Leichtigkeit und ohne grossen Scharfsinn vertheilen kann,
so dürfte zu erinnern sein, dass andere auch fragen können,
wie viel denn heute in Bezug auf die Einzelnheiten der Forschung
von Niebuhr und Otfried Müller aufrecht besteht. Beachtet
man die Wandelbarkeit, die sich in den Urtheilen und
Auffassungen über das einzelne Moment der geschichtlichen
Erscheinungen zeigt, so wird man genöthigt sein, auf den
ephemeren Streit der Gelehrten nur eine sehr untergeordnete
Rücksicht zu nehmen, falls man eine richtige Summe von dem
Leben und der Thätigkeit eines schriftstellerischen Geistes
ziehen und seine Stellung in der Literatur im allgemeinen bezeichnen
will. Es würde hier auch viel zu weit führen, jede
einzelne Frage der Kritik in ihrer nur für die Gelehrtengeschichte
wichtigen Stellung zu erörtern. War es uns doch
nur zur Aufgabe gemacht, Schlosser’s allgemeine Leistungen
im Gebiete der sogenannten Universalhistorie zu bezeichnen. 1
1 Ich erinnere hier nur noch, dass von Schlosser’s Schriften überhaupt nur
jene berührt werden, welche für die principiellen Fragen der Geschieht-