Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

164  •

Lorenz.

Theil  der  Herder’schen  Ausführungen,  die  auf  unsichere  Erfahrungen ­
  ein  metaphysisches  Gebäude  errichten  wollten. 1
Es  mag  heute  nicht  mehr  am  Platze  scheinen,  Schlosser
nach  dem  zu  beurtheilen,  was  er  als  Begriff  der  Universalhistorie ­
  aufstellte,  so  viel  ist  aber  gewiss,  dass  wir  die  Fäden
seines  Denkens  greifen  können,  und  dass  sein  ganzer  Standpunkt ­
  aus  einer  Literatur  erklärt  werden  muss,  welche  der
Zeit  nach  in  seine  erste  Jugendepoche  fällt.  Wenn  wir  aber
heute  nach  einem  Jahrhundert  die  bei  weitem  grösste  Zahl  der
Fachgenossen  den  Stab  über  Schlosser’s  Geschichtschreibung
brechen  sehen,  so  ist  die  Frage  berechtigt,  ob  wir  eigentlich
über  den  Standpunkt  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Betreff
dessen,  was  unter  Universalgeschichte  zu  verstehen  sei,  wesentlich ­
  hinausgekommen  sind.  Man  braucht  nur  ein  Dutzend
Lehrbücher  der  Weltgeschichte  unserer  Tage,  die  Revue
passiren  zu  lassen,  um  sich  zu  überzeugen,  dass  allen  ohne
Ausnahme  die  übliche  Definition  des  Begriffs  der  Universalgeschichte ­
  gedankenlos  anhaftet,  wie  sie  von  Schlözer  auf  die
Bahn  gebracht,  von  Kant  und  Herder  erweitert  und  im  Sinne
des  letzteren  von  Schlosser  wesentlich  verschärft  worden  ist.
Alle  diese  Geschichtschreiber,  aus  denen  Jugend  und  Alter
meistentheils  ihre  historische  Bildung  ziehen,  versichern  uns,
dass  sie  die  Menschheit  und  ihre  Entwickelung  zum  Gegenstände ­
  der  Darstellung  und  Mittheilung  gemacht  hätten,  alle
wissen  in  irgend  einer  oder  der  anderen  Form  von  den  Plänen
zu  erzählen,  welche  Gott  mit  der  Menschheit  vorhatte  und  die
sich  in  deren  Geschichte  verwirklichten. 2  Die  meisten  stehen

1  ICant’s  Kritiken  von  Herder’s  Ideen  W.  W.  IV.  171  gehören  zu  den  leseuswerthesten
  Streitschriften  des  vorigen  Jahrhunderts.  Die  prächtige  Art,  wie
er  Herder  über  dessen  Betrachtungen  von  der  Kugelgestalt  der  Erde  ironisirt
u.  dgl.  m.  ist  höchst  ergötzlich  zu  lesen.  Zugleich  zeigt  aber  die  Recension,
dass  Kant  die  Idee  des  unaufhörlichen  Fortschreitens  der  Gattung  durchaus ­
  nicht  weltgeschichtlich  so  sicher  annahm,  als  es  nach  seinem  achten
Satze  der  Idee  zu  einer  Weltgeschichte  angenommen  werden  könnte.
2  Unter  vielen  schönen  Definitionen,  von  denen  die  weltgeschichtlichen
Compendien  erfüllt  sind,  erwähle  ich  zum  Exempel  eine,  welche  so  lautet:
,Die  allgemeine  oder  die  Weltgeschichte  umfasst  das  ganze  menschliche
Geschlecht.  (?)  Sie  erzählt  nämlich  (!),  durch  welche  Schicksale,  Begebnisse ­
  und  Tliaten  jenes  unter  der  Leitung  Gottes  seiner  Bestimmung,
d.  i.  der  immer  vollkommeneren  Ausbildung  seiner  geistigen  Kräfte  und
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.