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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

Friedlich  Christoph  Schlosser.

1  Hl

wie  wir  seinen  Tadlern  gerne  zugestehen  —  eigentlich  nicht
historischer,  sondern  philosophischer  Natur  sind. 1
Hören  wir,  was  Schlosser  selbst  von  den  Aufgaben  der
Weltgeschichte  sagt.  Er  sprach  sich  darüber  am  eingehendsten
in  der  Umarbeitung  des  ersten  Bandes  der  Weltgeschichte  in
zusammenhängender  Erzählung  aus,  welche  er  unter  den  Titel
,Universalhistorische  Uebersieht  der  Geschichte  der  alten  Welt
und  ihrer  Cultur'  herausgab.  Bemerkenswerth  ist  hier  vor  allem,
dass  er  die  Universalhistorie  geradezu  in  einen  Gegensatz  gegen
die  Weltgeschichte  stellt  und  damit  eine  Forderung  für  die
erstere  aufstellt,  von  welcher  bei  Sehlözer  keinerlei  Ahnung
sein  konnte,  und  welche,  so  viel  ich  sehe,  zum  ersten  Male  in
dem  Streite  zwischen  Sehlözer  und  Herder  zu  Tage  gekommen
war. 2  Schlosser  seinerseits  sagt:  ,Wir  setzen  den  Ausdruck
Universalhistorie,  dem  der  Weltgeschichte  hier  gewissermassen
entgegen,  denn  wir  verstehen  unter  dem  ersteren  die  Geschichte ­
  der  Menschheit  als  ein  zusammenhängendes
Ganze  betrachtet,  unter  dem  letzteren  aber  die  Geschichte  der
einzelnen  Völker  nach  der  Zeitfolge  geordnet.  Zu  erforschen,
was  in  jeder  Zeit  geschehen  ist,  die  Ursache  warum  und  die
Art  wie  es  geschehen,  der  Nachwelt  aufzubewahren,  oder  aus
der  Masse  des  Aufbewahrten  das  seinem  Urtheile  nach  für
seine  Zeit  Brauchbare  zusammenzustellen,  ist  das  Geschäft  dessen,
der  die  politische  Geschichte  schreibt  und  seine  eigenen  Ge-1

  lieber  die  Einwirkung  Kant’s  auf  die  umversalgeschichtliche  Auffassung’
verweise  ich  hier,  wo  ich  nicht  eine  volle  Geschichte  der  Historiographie
schreiben  kann,  auf  Tomaschek,  Schiller  S.  122.  Hier  will  ich  nur  noch
bemerken,  dass  von  Kant’s  fundamentalem  Satz:  ,Alle  Naturanlagen  eines
Geschöpfes  sind'  bestimmt,  sich  einmal  vollständig  und  zweckmässig
auszuwickeln 4  Idee  zu  einer  allgemeinen  Geschichte  in  weltbürgerlicher
Absicht.  W.  W.  IV.  144  sowohl  Schiller  wie  Schlosser  ausgingen  und
auch  Johannes  von  Müller  heimlich  die  Voraussetzung  einer  solchen  Bestimmung, ­
  ,Naturabsicht 4 ,  göttlichen  Leitung  u.  s.  w.  macht.
2  Herder  hielt  Schlözer’s  Ansicht  von  der  Weltgeschichte  für  roh;  er  verlangte, ­
  dass  eine  Auswahl  der  Völker,  welche  in  der  Geschichte  der
Menschheit  von  Bedeutung  wären,  nach  jenen  Gesichtspunkten  geschähe,
die  sich  auf  die  religiösen  und  sittlichen  Ideen  gründeten.  Nach  Sehlözer
spielten  die  Juden  in  der  Weltgeschichte  eine  traurige  Rolle,  nach  Herder
sind  sie  natürlich  der  universalhistorische  Sauerteig.  Ueber  den  Streit
selbst  ist  Schlözer’s  zweiter  Tlieil  der  Vorstellung  einer  Universalgeschichte
zu  vergleichen.
Sitzungabor.  d.  phil.-hist.  CI.  LXXXVIII.  Bd.  II.  Hft.  11
            
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