Friedlich Christoph Schlosser.
1 Hl
wie wir seinen Tadlern gerne zugestehen — eigentlich nicht
historischer, sondern philosophischer Natur sind. 1
Hören wir, was Schlosser selbst von den Aufgaben der
Weltgeschichte sagt. Er sprach sich darüber am eingehendsten
in der Umarbeitung des ersten Bandes der Weltgeschichte in
zusammenhängender Erzählung aus, welche er unter den Titel
,Universalhistorische Uebersieht der Geschichte der alten Welt
und ihrer Cultur' herausgab. Bemerkenswerth ist hier vor allem,
dass er die Universalhistorie geradezu in einen Gegensatz gegen
die Weltgeschichte stellt und damit eine Forderung für die
erstere aufstellt, von welcher bei Sehlözer keinerlei Ahnung
sein konnte, und welche, so viel ich sehe, zum ersten Male in
dem Streite zwischen Sehlözer und Herder zu Tage gekommen
war. 2 Schlosser seinerseits sagt: ,Wir setzen den Ausdruck
Universalhistorie, dem der Weltgeschichte hier gewissermassen
entgegen, denn wir verstehen unter dem ersteren die Geschichte
der Menschheit als ein zusammenhängendes
Ganze betrachtet, unter dem letzteren aber die Geschichte der
einzelnen Völker nach der Zeitfolge geordnet. Zu erforschen,
was in jeder Zeit geschehen ist, die Ursache warum und die
Art wie es geschehen, der Nachwelt aufzubewahren, oder aus
der Masse des Aufbewahrten das seinem Urtheile nach für
seine Zeit Brauchbare zusammenzustellen, ist das Geschäft dessen,
der die politische Geschichte schreibt und seine eigenen Ge-1
lieber die Einwirkung Kant’s auf die umversalgeschichtliche Auffassung’
verweise ich hier, wo ich nicht eine volle Geschichte der Historiographie
schreiben kann, auf Tomaschek, Schiller S. 122. Hier will ich nur noch
bemerken, dass von Kant’s fundamentalem Satz: ,Alle Naturanlagen eines
Geschöpfes sind' bestimmt, sich einmal vollständig und zweckmässig
auszuwickeln 4 Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher
Absicht. W. W. IV. 144 sowohl Schiller wie Schlosser ausgingen und
auch Johannes von Müller heimlich die Voraussetzung einer solchen Bestimmung,
,Naturabsicht 4 , göttlichen Leitung u. s. w. macht.
2 Herder hielt Schlözer’s Ansicht von der Weltgeschichte für roh; er verlangte,
dass eine Auswahl der Völker, welche in der Geschichte der
Menschheit von Bedeutung wären, nach jenen Gesichtspunkten geschähe,
die sich auf die religiösen und sittlichen Ideen gründeten. Nach Sehlözer
spielten die Juden in der Weltgeschichte eine traurige Rolle, nach Herder
sind sie natürlich der universalhistorische Sauerteig. Ueber den Streit
selbst ist Schlözer’s zweiter Tlieil der Vorstellung einer Universalgeschichte
zu vergleichen.
Sitzungabor. d. phil.-hist. CI. LXXXVIII. Bd. II. Hft. 11