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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

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Lorenz.

sittlichen  Erfolge,  der  durch  ihre  Verbreitung  gewonnen  wird,
auf  ihren  Werth  oder  Unwerth  geschlossen  werden  kann.
,Der  Glaube  an  Schriftlehren,  die  eigentlich  haben  offenhart
werden  müssen/  so  sagt  Kant,  ,wenn  sie  haben  gekannt  werden
sollen,  hat  an  sich  kein  Verdienst  und  der  Mangel  desselben,
ja  sogar  der  ihm  entgegenstehende  Zweifel  ist  an  sich  keine
Verschuldung,  sondern  Alles  kommt  in  der  Religion  aufs  Thun
an  und  diese  Endabsicht,  mithin  auch  ein  dieser  gemässer  Sinn
muss  allen  biblischen  Glaubenslehren  untergelegt  werden/  Und
weiter:  ,Nehme  ich  das  Glauben  ohne  diese  moralische  Rücksicht ­
  blos  in  der  Bedeutung  eines  theoretischen  Fürwahrhaltens,
z.  B.  dessen,  was  sich  auf  dem  Zeugnisse  Anderer  geschichtmässig
  gründet,  oder  auch,  weil  ich  mir  gewisse  gegebene  Erscheinungen ­
  nicht  anders,  als  unter  dieser  oder  jener  Voraussetzung ­
  erklären  kann,  zu  einem  Princip  an,  so  ist  ein  solcher
Glaube,  weil  er  weder  einen  besseren  Menschen  macht,  noch
einen  solchen  beweiset,  gar  kein  Stück  der  Religion 1 ,  u.  s.  w. 1
Ist  es  nicht  auch  durch  und  durch  die  Grundanschauung
Schlosser’s  in  allen  religiösen  Fragen  den  moralischen  Werth
zum  Maasstabe  ihrer  Beurtheilung  zu  machen  ?  Kann  man  eine
deutlichere  Verwandtschaft  in  geistigen  Dingen  finden  als  die
zwischen  den  Schlosser’schen  Urtheilen  und  jenen  Kantischen
Sätzen?  Schlosser  selbst,  der  zur  Kenntniss  des  Mittelalters
den  Aristoteles  für  erforderlich  hält,  würde  ohne  Zweifel  wenig
gegen  unser  Resultat  einzuwenden  haben,  dass  zu  seinem  Verständniss
  fast  überall  Kant  und  seine  Philosophie  nöthig  erscheint. ­

Hier  ist  also  die  Quelle  der  von  Gervinus  so  oft  und  so
volltönend  gepriesenen  ,sittlichen  Kritik',  welcher  ,ganz  innerliche ­
  mit  seinem  Charakter  tief  zusammenhängende  Motive'  zu
Grunde  liegen  sollten.  Hätte  man  sich  bemüht,  unsern  Geschichtschreiber ­
  weniger  wie  einen  aus  sich  selbst  herausgewachsenen
Baum,  als  vielmehr  wie  einen  mitten  in  der  Literatur  und  Bewegung ­
  seiner  Zeit  stehenden  Denker  zu  betrachten,  so  konnte
man  sich  viel  Streit  ersparen.  Es  war  ein  allgemeiner  Vorzug,
oder,  wie  Andere  sagen  mögen,  ein  allgemeines  Uebel,  dass
fast  alle  Gelehrte  seiner  Zeit  in  der  kritischen  Philosophie  wie

1  Kant,  W.  W.  VII.  359.
            
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