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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

auch  von  unseren  heutigen  sogenannten  exacten  Forschern  des
Mittelalters  nicht  abgesprochen  werden  können,  welche  die
Idee  gewiss  recht  sehr  belächeln  mögen,  dass  man  den  Aristoteles
erst  lesen  sollte,  um  Autoren  des  12.  Jahrhunderts  zu  behandeln. ­
  Für  uns  mag  diese  methodische  Frage  vorläufig  offen
gelassen  werden,  das  geschichtliche  Bedürfniss  der  classischen
Literaturepoche  aber  war  unzweifelhaft  philosophischer  Natur
und  speculativen  Ursprungs;  sich  speciell  bei  Schlosser  über
diese  allgemeine  Grundstimmung  historischer  Denker  zu  verwundern ­
  ,  hiesse  wahrlich  einen  Beweis  der  Unkenntniss  des
literarischen  Geistes  in  Deutschland  in  der  Kantischen  und
Nachkantischen  Epoche  geben.  Auch  die  zunächst  in  Angriff
genommenen  Arbeiten  über  Theodor  Beza  und  Peter  Martir
Vermili  tragen  das  Gepräge  eines  vorwiegend  auf  die  sittlichen
und  religiösen  Fragen  gerichteten  Interesses  an  sich,  obwohl
Schlosser  zu  diesem  Stoffe  nicht  auf  dem  Wege  des  eigenen
Studienganges,  sondern  durch  äussere  Anregung  gelangt  war.
Er  erhielt  durch  den  Generalsuperintendenten  Löffler  in  Gotha
,den  kostbaren  Band  handschriftlicher  Briefe  der  Reformatoren',
welchem  er  das  bis  dahin  fast  gänzlich  unbekannte  Material
entnahm.  Seine  theologische  Vorbildung  machte  ihm  möglich,
den  Gegenstand  in  ausserordentlich  kurzer  Zeit  zu  erledigen,
seinen  Standpunkt  bei  der  Darstellung  desselben  aber  zu  begreifen, ­
  wird  wieder  nur  dann  gelingen,  wenn  man  sich  an  das
lebhafte  Eindringen  des  Kantischen  Rationalismus  in  die  Theologie ­
  jener  Zeit  erinnert.  So  heisst  es  in  der  Einleitung  zum
Beza:  ,Da  der  positiven  Religion  und  dem  positiven  oder  dogmatischen ­
  Theile  der  christlichen  Religion  besonders  eine  gänzliche
Veränderung  zu  drohen  scheint,  so  ist  es  allerdings  jetzt  eine
ungünstige  Periode,  um  das  Andenken  an  Männer  zu  erneuern,
die  im  16.  Jahrhundert  mit  heissem  Eifer  die  reine  Bibellehre
als  einzige  göttliche  Offenbarung  zu  vertheidigen  und  an  die
Stelle  eines  leeren  Ceremoniendienstes  zu  setzen  sich  bemühten'.
So  bestimmt  sich  Schlosser  selbst  nun  aber  zu  einem  Gottesglauben ­
  bekennt,  der  sich  von  demjenigen  seiner  ,Glaubenshelden' ­
  nicht  unwesentlich  unterscheidet,  so  bemüht  er  sich  in
diesem  frühen  Werke  mehr,  als  er  es  später  that,  sein  eigenes
Urtheil  über  jedes  einzelne  zurückzudrängen.  In  der  Einleitung
beruhigt  er  sich  über  die  Verschiedenheit  seines  Standpunktes:
            
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