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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 88. Band, (Jahrgang 1877)

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L  orenz.

Die  Unterrichtsmethoden  jener  Zeit  hegünstig'ten  in  frühestem
Knabenalter  eine  auf  das  Sachliche  gerichtete  cursorische  Lcctüre,
die  es  möglich  machte,  dass  junge  Leute,  wie  Ritter,  Niebuhr
in  einer  Zeit  bereits  sich  einer  ansehnlichen  Kenntniss  der
classisclien  Welt  erfreuten,  in  welcher  unsere  heutigen  Jünglinge ­
  gemeiniglich  noch  nicht  über  die  Einleitungen  der  philologischen ­
  Gelehrsamkeit  und  kritischen  Verständigung  hinweggekommen ­
  sind.  Dass  aber  die  überhastete  Aufnahme  eines
gewaltigen  Stoffes  auch  manche  geistige  Nachtheile  schuf,  wird
nicht  geläugnet  werden  können,  und  vielleicht  hängt  es  damit
auch  bei  Schlosser  zusammen,  wenn  ihn  neuere  Beurtheiler  so
häufig  eines  Mangels  scharfer  kritischer  Durchdringung  seines
Gegenstandes  anklagten.  Aus  seiner  Selbstbiographie  ist  man
schlechterdings  nicht  im  Stande  zu  ersehen,  von  welchen
Richtungen  Schlosser  besonders  angeregt  war,  welchen  Autoren
er  mit  Vorliebe  gefolgt,  wo  er  seine  eigene  Gedankenarbeit  am
liebsten  einsetzte.  Seine  Bücher  und  deren  Vorreden,  welche  ohnehin ­
  erst  in  eine  Zeit  fallen,  wo  er  zum  fertigen  Mann  herangereift
war,  enthalten  nicht  das  Mindeste,  was  uns  auf  die  Spuren
seiner  inneren  Entwickelung  leiten  könnte.  Kein  Buch,  kein
Gelehrter,  kein  Lehrer  wurde  je  von  Schlosser  irgendwo  vorzugsweise ­
  als  Leitstern  seiner  Bildung,  seiner  Weltanschauung  bezeichnet. ­
  So  überraschend  indessen  diese  Erscheinung  uns  bei
einem  Schriftsteller  von  so  ausgeprägten,  festen  und  unbeugsamen ­
  Ueberzeugungen  entgegentritt,  so  wenig  ungewöhnlich  ist
dieselbe  bei  den  meisten  Historikern  vom  Fache.  Philosophen,
Juristen,  Medicinern  liegt  es  viel  näher,  und  es  ist  unter  ihnen
ein  althergebrachter  Gebrauch,  die  Beziehungen  zu  nennen,  in
welchen  sie  zu  ihren  Vorgängern  stehen,  das  System  zu  bezeichnen, ­
  an  welches  sie  sich  halten.  Der  moderne  Historiker
dagegen  wird  in  sich  selbst  eine  gewisse  Abneigung  erziehen,

geklagt,  dass  es  ihm  an  einer  richtigen  Leitung  seiner  Studien  gefehlt
habe,  dass  er  dadurch  auf  viele  Irrwege  gerathen  sei.  Lebensnachrichten
I.  S.  24.  Ueber  das  rasche  und  cursorische  Lesen  der  Classiker  —
nebenbei  bemerkt,  gerade  die  entgegengesetzte  Methode  von  jener,  die
heute  bewirkt,  dass  man  nicht  gut  lateinisch  und  griechisch  lernt  —
vgl.  Schlosser’s  eigene  Angaben,  Weber  14,  wo  auch  behauptet  wird,
dass  Schlosser  in  Zeit  von  drei  Jahren  über  viertausend  Bücher  durchlaufen ­
  habe.
            
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