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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 87. Band, (Jahrgang 1877)

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Kaltenbrunner.

Allgemeinen  mit  der  Reform  einverstanden  erklärt  habe.  Kepler
verhehlt  sich  nicht,  wie  misslich  es  sei,  in  dieser  Sache  noch  neue
Gesichtspunkte  hervorzuheben,  aber  er  gibt  sich  doch  der  Hoffnung ­
  hin,  dass  es  trotzdem  den  streitenden  Parteien  nicht  unangenehm ­
  sein  werde,  die  Wahrheit  zu  hören.  Eigentlich  —
meint  Kepler  —  hätte  er  die  beiden  Hauptkämpfer,  Clavius
und  Maestlin  einander  gcgenüberstellen  sollen,  aber  er  fürchtete,
dass  in  den  Gemüthern  durch  Erinnerung  an  die  alte  Leidenschaft ­
  der  alte  Hass  von  Neuem  angeregt,  und  dass  das  Gemüth
seines  Freundes  (Maestlin)  dadurch  unangenehm  berührt  würde.
So  lässt  er  auf  beiden  Seiten  je  zwei  —  einen  weltlichen  und
einen  geistlichen  Beamten  die  Sache  besprechen;  damit  aber
wäre  es  ihm  selbst  nicht  möglich  gewesen,  seine  eigene  Meinung ­
  auszusprechen,  und  so  führt  er  als  fünfte  Person  den
Mathematicus  ein,  der  sich  bald,  als  über  den  Parteien  stehend,
der  Leitung  des  Gesprächs  bemächtigt.  Wohl  alle  Gesichtspunkte, ­
  die  wir  im  Laufe  des  Streites  haben  aussprechen  hören,
werden  hier  von  den  beiden  Gegnern  herangezogen;  in  manchen
Punkten  hält  sich  hiebei  der  Mathematiker  ganz  vom  Gespräche
fern,  so  bei  der  Berechtigung  des  Pabstes  zur  Reform.  Ganz
entsprechend  den  Dimensionen  und  dem  Resultate,  welche  die
Polemik  genommen  hatte,  gelangen  die  Parteien  zu  keiner  Einigung, ­
  nachdem  die  Protestanten  direct  zugegeben  hatten,  dass,
auch  wenn  der  Kalender  vollständig  frei  von  Fehlern  wäre,  sie
ihn  doch  wegen  des  päbstlichen  Ursprungs  zurückweisen  würden.
Das  weiteste  Zugeständniss,  das  sie  machen,  ist,  dass  sie  zustimmen, ­
  wenn  von  Reichswegen  beschlossen  würde,  dass  Ostern

barlich  gelangen  lassen  möchten 1 .  Dasselbe  Schriftstück  findet  sich  auch
im  Codex  Vindob.  10704  fol.  88*  und  auch  hier  ist  das  Verhältniss  der
beiden  Redaetioneu  so  wie  beim  ,DiaIogus‘.  —  Ich  muss  es  mir  versagen,
diese  und  zahlreiche  andere  Arbeiten  und  Rechnungen,  die  von  Kepler’s
Hand  sich  in  dem  Codex  Vindob.  10704  finden,  zu  besprechen.  Sie  hängen
alle  mit  der  zuletzt  angeführten  Schrift  zusammen,  sind  also  theils  als
Vorstudien  zu  betrachten,  theils  haben  sie  den  Zweck,  eine  Vereinbarung
zwischen  den  beiden  Parteien  herbeizuführen;  sie  liegen  also  schon  jenseits
der  Grenze,  welche  sich  diese  Arbeit  gesetzt  hat.  Sehr  auffallen  muss
es  aber,  dass  Frisch,  der  auf  der  Wiener  Bibliothek  arbeitete,  diesen
werthvollen  und  manches  bisher  unedirte  Schriftstück  Kcpler’s  enthaltenden ­
  Codex  übersehen  hat.  Vielleicht  komme  ich  auf  denselben  bei
anderer  Gelegenheit  noch  zu  sprechen.
            
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